Was mich stört…

… ist die systematische Angstmacherei im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Wie ich bereits gesagt habe: ich weiß nicht, was richtig ist, ob das Virus aus einem Labor in Wuhan oder woanders her stammt, ob die Maßnahmen zur Verhinderung von Ansteckung wie Social Distancing und Mund-Nasen-Bedeckung wirklich die Bringer sind. Aber ich weiß sicher, daß der Umgang mit dieser Infektion von Angst bestimmt ist. Angst vor Folgekrankheiten, Angst vor dem Tod. Mir scheint, Angst ist auch ohne Corona das bestimmende Gefühl in unserer Kultur. Der ganze Kapitalismus funktioniert über Angst: der Angst vor Mangel, vor Verlust. Diese Angst ist in meinen Augen ein Entwurzelungssymptom. Seit Menschen sich als getrennt von der Natur begreifen, wächst diese Angst wie eine unaufhaltsame Krankheit. Ich behaupte nicht, daß die Herrschenden bewusst damit arbeiten, denn auch sie funktionieren mit dieser gewohnheitsmäßigen Angstkonditionierung. So kommt es, daß plötzlich Sicherheit das Allerwichtigste im Leben ist. Aber es gibt keine Sicherheit, jedenfalls nicht die, die wir uns vielleicht erhoffen. Ich vermute, die einzige garantierte Sicherheit ist, daß wir irgendwann sterben müssen.

Wenn wie am Wochenende in Berlin Menschen auf die Straße gehen und für die Wiederherstellung unserer Grundrechte demonstrieren, kann ich das verstehen. Da gibt es eine andere Angst, nämlich die vor dauerhafter Einschränkung. Es war ja schon bedrohlich mitzubekommen, wie im Handstreich die ganzen Restriktionen eingeführt wurden. Ich persönlich würde mich nicht wohlfühlen, wenn ich zusammen mit Rechten auf der Straße wäre. Dennoch finde ich es nicht richtig, wenn z. B. Luisa Francia in ihrem Blog den Demonstrierenden „Schämt euch!“ zuruft, weil auch Rechte auf der Demo waren. Dahinter steht der Gedanke: wir sind die Guten, die Rechten sind die Schlechten. Und das ist Kriegsmentalität. Ich habe keine Antwort auf die Frage, wie mit dem zunehmenden Rechtsdrall in unserem Land umzugehen ist. Aber ich weiß eines sicher: sie zu ignorieren, bloßzustellen, schlecht zu machen statt mit ihnen zu reden, macht die Situation nicht besser. Ich glaube, das Abdriften in rechte Vorstellungen ist die Antwort auf die immer klarer zutage tretenden Abscheulichkeiten des neoliberalen globalen Wirtschaftssystem und die Totalunterwerfung der Regierungen unter dessen Diktat.

Wer mal etwas anderes als die geistigen Monokulturen zum Thema Corona sehen möchte, dem lege ich dieses Video von Gunnar Kaiser, Schriftsteller und Philosoph ans Herz: https://www.youtube.com/watch?v=aCSJKC9PtTw

Ich finde es übrigens immer noch gut, wie die Schweden mit dem Virus umgehen, weil sie auf die Selbstverantwortung der Bürger setzen. Die deutsche Regierung hingegen verhält sich wie Helikoptereltern. Redet nicht von mündigen Bürger*innen, die wir angeblich sind, sondern lasst uns selbst entscheiden, wie wir mit dem Infektionsrisiko umgehen! Ich werde keiner Person körperlich nahekommen, die Angst vor Ansteckung hat, aber auf Umarmungen und anderen Körperkontakt verzichte ich nicht. Ich lebe jetzt und mir ist Lebendigsein viel viel wichtiger als eine Sicherheit, die es so gar nicht gibt. Auch wenn das vielleicht paradox erscheint: Lebendigsein und Tod gehören zusammen. Und ich kann nichts Schlimmes daran sehen. Schlimm aber finde ich es, wenn alte Menschen allein sterben müssen oder in ihren letzten Lebensmonaten keinen Besuch und keine Umarumungen mehr von ihren Angehörigen bekommen. Meine sehr alte Mutter hat jedenfalls keine Angst vor Corona und freut sich, wenn sie Besuch von meinem Bruder, seiner Frau, meinen Kindern und mir bekommt.

Nachdem ich mein Missfallen über Luisas Post geäußert habe, möchte ich an dieser Stelle hervorheben, was mir gefällt: ihr Bild von den Viren als den kleinen Völkern, mit denen wir lernen sollten zu kommunizieren (www.salamandra.de, 1.8.2020). Und ich kann nicht oft genug betonen, daß Viren und Bakterien eine enorm große Rolle in der Evolution spielen und wir ohne sie gar nicht da wären.

Defend the Sacred

Ein winzigkleines Tausendgüldenkraut im Garten

Im Buch Defend the Sacred, das mir eine Freundin geliehen hat, kommen Frauen und Männer von vielen Kontinenten zu Wort, die in Projekten tätig sind, die das Leben fördern und Alternativen zur gigantischen Zerstörungsmaschinerie des globalen kapitalistischen Systems bieten. Ich kann dieses Buch nur allen als Mutmacher ans Herz legen.

Der Bericht eines Palästinensers über seinen Umgang mit den Wildschweinen in seiner Heimat hat mich besonders angesprochen. Wildschweine sind von israelischen Siedlern in dem Palästinensergebiet ausgesetzt worden und zerstören die Gärten in den ehemals fruchtbaren Gebieten. Er beschreibt, wie er eine Möglichkeit gefunden hat, mit den Tieren zu kooperieren (und das als Moslem, der kein Schweinefleisch isst!), indem er ihnen Zugang zu einem Teil seines Gartens ermöglicht, in dem sie an ihr Lieblingsfutter, einen Maulbeerbaum, kommen können.

Jeder Gärtner und jede Gärtnerin kennt seit Jahrzehnten das Problem mit mitessenden Tieren, seien es Schnecken, Rehe, Kohlweißlingsraupen usw. Als ich mit dem Gärtnern anfing, haben mich die Schnecken oft genug zur Verzweiflung gebracht, weil sie nicht nur einige Pflanzen, sondern alle gegessen haben. Später kam noch das Wild aus dem benachbarten Wald dazu. Ich habe vieles versucht, um einen Umgang damit zu finden. Es war mir immer klar, daß Töten von Schnecken keine Option sein könnte. Je länger ich mich damit befasste, desto deutlicher wurde, daß die Schnecken uns Hinweise auf ein stark gestörtes Ökosystem geben und eine Rolle bei der Heilung der Erde spielen. Ich habe immer noch keine wirkliche Lösung gefunden, bin aber mittlerweile davon überzeugt, daß unsere innere Haltung zu diesen unerwünschten Tieren eine wesentliche Rolle spielt. Wenn ich sie als Feinde, als Nahrungskonkurrenten sehe, dann werden sie genau das auch sein.

Für Tiere gibt es sowas wie Privatbesitz nicht. Und daß sie gern in meinen Garten kommen, zeigt ja, daß sie seine Vielfalt schätzen und bei mir Leckereien finden, die es in den Monokulturen der Agrarindustrie nicht gibt. So wie die internationalen Konzerne auf allen Kontinenten mit Unterstützung der Regierungen den Kleinbauern Land wegnehmen, um Rohstoffe abzubauen, so machen wir Menschen das auch im Kleinen, indem wir Häuser und Straßen bauen, ohne auf die Bedürfnisse und Lebensnotwendigkeiten der mehr-als-menschlichen Welt zu achten. Wir nehmen uns das einfach raus, wir haben in unserer Kultur keine lebendige Verbindung mehr zur Erde und sehen die anderen Lebewesen nicht als Gleiche, sondern als Konkurrenten an. Bestenfalls halten wir uns Tiere als Nutztiere (allein dieses Wort sagt schon alles). Die unerwünschten Tiere und Pflanzen (Unkräuter – noch so ein Wort) spiegeln uns mit ihrem Auftreten unser eigenes Verhalten.

Eine schöne große Ringelnatter an meiner Hauswand

Wie gesagt, ich habe keine Patentlösung, aber meine Vision ist ein großer Garten, in dem alle leben und essen können und immer genug da ist. Ich bin ja bekanntermaßen keine Christin und finde im Alten Testament viel Gewalttätigkeit (offensichtlich ein Hauptmerkmal aller monotheistischen Religionen), aber die Geschichte vom Paradies scheint mir eine Erinnerung an Zeiten, als unsere Planetin noch dieser Garten war. Und letztendlich dient alles, was ich seit Jahren lerne, dieser Vision: die gesamte schöne Erde als üppiger Garten für alles Lebendige.

behindert

Schnur aus Brennnesselfasern

Vor fast zwei Wochen knickte ich beim Einkaufen in Kiel mit dem linken Fuß um. Innerhalb kurzer Zeit schwoll mein Fuß stark an und Laufen und Kupplungtreten taten abscheulich weh. Ich kam noch nach Hause, machte mir einen Stützverband und legte den Fuß hoch. Für den folgenden Tag war ein Ausflug nach Flensburg mit I. und abends schönes Essen vom Le Camping geplant. Ich telefonierte meiner Tochter und teilte ihr mit, daß ich zu irgendwelchen Gängen nicht in der Lage sei. Aber da das Essen längst geordert worden war, fuhr ich am nächsten Tag dann doch nach Kiel, um I. abzuholen und sie fuhr dann den Rest des Weges. Das Essen war vorzüglich, aber der Genuss durch die anhaltenden Schmerzen etwas reduziert. Außer meinen hässlichen Treckingsandalen passte kein Schuh und ich konnte mich nur humpelnd fortbewegen. Am Abend fuhren wir wieder nach Hause. Glücklicherweise kam meine Tochter mit und blieb ein paar Tage. Sie machte die Arbeiten, die ich, behindert wie ich war, nicht machen konnte, z. B. dicke Bohnen im Garten pflücken, die ich dann mit kross gebratenem Speck und neuen Kartoffeln zubereitete. Sehr lecker!

Ich habe mir mal in den 80er Jahren den Fuß verstaucht. Damals war ich in einer Klinikambulanz, wo mein Fuß in einen Stützverband gepackt wurde. Ansonsten habe ich nur noch schwache Erinnerungen daran. Das Krankenhaus sparte ich mir dieses Mal ein. Einen professionellen Verband kann ich mir selber anlegen, Beinwellsalbe habe ich immer im Haus und ansonsten war Geduld angesagt. In den folgenden Tagen entwickelte sich ein ausgedehnter Bluterguss bis zu den Zehen und zur Ferse. Nachts kroch ich auf allen Vieren zur Toilette, weil der Schmerz direkt nach dem Aufstehen am schlimmsten war.

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die lange stillsitzen können. Das musste ich aber. Ständig Lesen machte mir auch keinen Spaß und dummerweise war ich mit meiner Strickwolle auch am Ende. Ich wollte neue bei Voilà in Münster bestellen und erfuhr dabei, daß der Laden, in dem ich mehr als 30 Jahre die wahrscheinlich beste Alpacawolle der Welt gekauft hatte, nicht mehr existierte. Mist! Meine Rettung war dann Dörte Dietrichs Wollwerkstatt in Kiel: bei ihr bestellte ich schöne weiche Sockenwolle in vielen Farben. Bis die eintraf, übte ich das Schnurdrehen aus Brennnesselfasern, wie wir es beim Wildnisseminar gelernt hatten. Wie gut, daß ich reichlich Brennnesseln im Garten habe. Ich habe auch Pflanzen gezeichnet, die Arbeitsplatte in der Küche mit Hartöl behandelt, mir jeden Tag was Leckeres gekocht und ein neues Kuchenrezept ausprobiert.

Der Bewegungsmangel schlug mir auf die Stimmung und ich merkte, wie sehr Schmerz die Aufmerksamkeit gefangen nimmt. Ich nehme keine Schmerztabletten und hatte auch kein Mädesüßkraut mehr. Ich packte mir zerquetschte Beinwellblätter auf dein Fuß, das brachte leichte Linderung.

Während ich rumsaß, hatte ich die eine oder andere Einsicht, z. B. daß es eine ziemlich blöde Idee war, mit meinem kaputten Fuß nach Flensburg zu fahren, weil diese Aktion mit Sicherheit zu einer Verschlimmerung geführt hat. Aber irgendwie ist es auch typisch für mich und meinen Umgang mit Krankheit. Nachdem ich einige Tage lang mit meinem Zustand gehadert hatte, fielen mir Susun S. Weeds Six Steps of Healing ein. Na klar, mein Fuß sagte es mir ganz deutlich: Step 0 – Do nothing war angesagt: Heilung im Verborgenen geschehen lassen, meine Körperin machen lassen, ihr die Zeit lassen, die es braucht, akzeptieren, daß jetzt etwas anderes dran ist als mein gewohntes Leben. Ab da wurde es erträglicher. In gewisser Weise waren die letzten 12 Tage mein ganz persönlicher Lockdown.

Ich muss aber auch sagen, daß ich sehr dankbar für die Hilfe bin, die ich bekam: meine Tochter war in den ersten drei Tagen bei mir und mein Nachbar T. kaufte einmal für mich ein und brachte mich vor einigen Tagen nach Lütjenburg zum Bioladen, als ich wieder etwas besser laufen konnte. Mittlerweile hat mein Fuß wieder ein fast normales Aussehen.

Toller Essay

Corona-Virus: Menschheit am Scheideweg heißt ein richtig toller Essay von Johannes Mosmann. Ihr findet ihn im Internet. Ich mag es, wenn Menschen mutig genug sind, sich dem herrschenden Denken öffentlich entgegen zu stellen. Am meisten schockiert hat mich an der ganzen Coronasache, daß Menschen in meinem näheren und ferneren Umfeld, die ich bisher für klare Geister gehalten hatte, völlig unkritisch die Position der Mainstreamberichterstattung übernommen haben. Glücklicherweise haben einige wenige ihren klaren Kopf behalten. Und ganz besonders dankbar bin ich für die Menschen, die ihrem Bedürfnis nach Umarmungen und anderen Arten von Körperkontakt weiterhin folgen und nicht auf das Angst-und-Schuldgefühl-Spiel reingefallen sind.

Johannes Mosmann ist mir vor einigen Jahren schon als kluger Kopf aufgefallen, als er die zum Verkauf stehende Ökomodefirma Hess Natur durch eine neu gegründete Genossenschaft übernehmen lassen wollte. Das hat dann leider nicht geklappt, weil das Angebot eines Großinvestors attraktiver für den Verkäufer Karstadt-Quelle war. Ich hatte damals einen kurzen Mailkontakt mit Johannes Mosmann und bin der Genossenschaft beigetreten. Immerhin hat die ganze Sache dazu geführt, daß ich seitdem kein einziges Teil mehr bei Hess Natur gekauft habe.

Schönes und Neues

In meinem Leben geschieht gerade etwas Schönes und Neues, über das ich (noch) nicht berichten kann/möchte.

Aber eine Sache will ich wenigstens erwähnen: Ich habe vor einer Woche einen Kursus in Wildnispädagogik angefangen. Ich finde den Begriff Pädagogik nicht so passend, unsere beiden Mentoren übrigens auch nicht. Da gefällt mir das amerikanische Original besser: Wilderness Awareness School. Ich liebäugele mit diesem Training schon seit vielen Jahren, und jetzt endlich hat es angefangen. Es ist sehr herausfordernd und sehr gut. Es geht weit über ein Survival hinaus, wie Mentor M. sagte: „Es geht nicht nur um Überleben, sondern auch darum, wie wir es uns schön machen können.“

Nach dem Wochenende kam ich mit unzähligen Mückenstichen nach Hause, brauchte eine halbe Stunde, um meine Körperin von diversen Zecken zu befreien und war völlig erfüllt von allem, was ich erlebt hatte: von Freitagabend bis Sonntagnachmittag Programm im Wald, Schlafen im Zelt, Sitzen ums Feuer, Holz sägen, Holz hacken, Feuer machen (hat mit dem selbstgemachten Feuerbohrer noch nicht geklappt), Feuer hüten, eine Schnur drehen, eine Laubhütte im Wald bauen und abends am Feuer Geschichten hören.

Das war jetzt die nackte Aufzählung. Aber es ist viel mehr als das und ich weiß nicht, ob ich das jemals in Worte fassen kann. Nur soviel: das ist die Sache, auf die ich schon so lange gewartet habe und auf die ich mich voll und ganz einlassen will. Das ist für mich die Antwort auf Charles Eisensteins „Story of Separation“: hier geschieht Rückverbindung auf ganz konkrete sinnliche Art und Weise. Lernen durch Erfahrung.

Und ganz nebenbei habe ich mit Freude festgestellt, daß ich mit Männern völlig im Reinen bin und gern mit ihnen zusammenarbeite.

Corona-App

Jetzt ist also die neue Corona-App da. Und Regierung und Entwickler freuen sich, weil schon 7 Millionen Deutsche sie sich aufs Smartphone geladen haben. Ich gehöre nicht dazu und werde es auch in Zukunft nicht. Auch wenn der Chaos-Computer-Club sie wegen ihrer Sicherheit lobt. Es ist nicht so, daß ich große Geheimnisse hätte. Ausspioniert wird sowieso jeder und jede, die sich im Internet rumtreibt. Das gehört einfach zum Geschäftsmodell der Softwarefirmen. Die erhobenen Daten werden benutzt, um künstliche Intelligenz zu entwickeln. Ich werde das sabotieren, wo ich nur kann. Ich brauche kein selbstfahrendes Auto und keine Alexa, die meine Heizung oder mein Radio anstellt. Noch kann ich das alles selber.

Nein, ich bin nicht so vermessen zu glauben, daß ich nicht krank werden kann. Ich gehöre sogar zur Risikogruppe, weil ich über 50 bin und mehr als 20 Jahre lang starke Raucherin war. Das hat in meiner Lunge sicherlich Spuren hinterlassen. Ich bin mir auch bewusst, daß Sterben zu meinen Möglichkeiten gehört. Und wenn es denn so sein soll, dann ist es so. Was für mich zählt ist dieses: das zu verwirklichen, wofür ich auf diese schöne Erde gekommen bin, voll und ganz zu leben, zu lieben, mein ekstatisches Potenzial auszuschöpfen, die Schönheit dieser Planetin zu genießen. Neulich wurde ich gefragt, ob ich schon immer so gedacht habe. Nein, habe ich nicht. Ich bin wie soviele in unserer Kultur aufgewachsen mit dem Bewusstsein, daß Leistung, Fleiß und Selbstüberwindung wichtig sind. Ich habe die protestantisch-kapitalistische Arbeitsethik bis in meine Körperzellen verinnerlicht. Und ich habe viele Jahre gebraucht und bin noch dabei, mich davon wieder zu verabschieden. Die Einsicht, daß es um Freude geht und daß der Tod nichts Schreckliches ist, was es um jeden Preis zu vermeiden gilt, habe ich mir nicht erarbeitet. Sie war eher ein Geschenk des Lebens. Angst vor Krankheit hat in meinem Leben seit langer Zeit einen sehr untergeordneten Platz. Der Tod kann jeden Tag kommen, plötzlich und unerwartet, wie es so schön heißt. Und bis dahin will ich in vollen Zügen leben! Je älter ich werde, desto mehr gelingt mir das.

Frisch geschnitten

Ich habe ein neues Notebook, nachdem mein noch gar nicht so altes nicht mehr in der Lage war, Updates zu verarbeiten und ständig offline ging. Die Techniker, die sich vergeblich an der Reparatur versuchten, fanden übrigens, daß ich nach sechs Jahren mal was Neues anschaffen könnte. Ich finde es ziemlich abartig, daß der Kongo für seltene Erden ausgeplündert wird, mit deren Hilfe Geräte gebaut werden, die man nach wenigen Jahren wegschmeißen kann. Aber über mein neues Notebook freue ich mich. Es ist nämlich gar nicht neu, sondern benutzt, generalüberholt und mit dem neusten Betriebssystem ausgestattet und hat darüber hinaus einen Bruchteil von einem neuen gekostet. Ein Freund meiner Tochter, der Experte ist, hat es im Internet für mich ausfindig gemacht. Es funktioniert richtig gut und sieht außerdem sehr ansprechend aus. Jetzt schaue ich mal, ob ich jemanden finde, der mit meinem alten noch was anfangen kann.

In den letzten zwei Tagen habe ich die Buchsbaumhecke in meinem Garten in Form geschnitten, mit reiner Muskelkraft. Das war anstrengend, besonders bei gleißendem Sonnenschein (ich holte mir dabei auch gleich den ersten Sonnenbrand dieses Jahres). Abends war ich ziemlich erledigt, aber auch sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Solange ich gut funktionierende Muskeln habe, gibt es bei mir keine Motorgeräte, die nervtötenden Lärm machen und Strom fressen. Heute Morgen fuhr ich zum Einkaufen nach Selent mit dem Fahrrad. Ich stelle immer wieder fest, wie gut körperliche Bewegung tut, auch wenn sie mal anstrengend ist. Sie hebt einfach die Stimmung.

Ich bin gespannt, ob „systemrelevant“ das Unwort des Jahres 2020 wird. Unten sind zwei Gegenstände aus meinem Haushalt, die für mich systemrelevant sind: Krug und Pömpel.

Neulich habe ich bei Tochter und Schwiegersohn Musik gehört, die mich in der Tiefe angesprochen hat: das Stück Churchyard der jungen Norwegerin Aurora (das ist ihr echter Vorname). Wenn ihr euch das auf YouTube anseht, nehmt die Live on KEXP-Version. So stelle ich mir eine nordische Elfe vor, diese intensive Stimme und diese ekstatischen Bewegungen. Beeindruckend!

Kampf?

Eine Pollen sammelnde Hummel in der Küche

Es ist ja in dieser Zeit ständig vom Kampf gegen das Virus die Rede. Da spricht die Kriegssmentalität, die wir in unserer Kultur bis auf Zellebene verinnerlicht haben. Ein völlig größenwahnsinniges Vorhaben, denn wir können kein Virus besiegen. Im besten Falle können wir damit umgehen lernen. Viren sind um ein Vielfaches älter als die Menschheit und haben so ausgeklügelte Überlebensstrategien, daß wir nur neidisch sein können. Jeder Kampf gegen irgendwas oder irgendwen bringt neuen Kampf hervor, das zeigt unsere Geschichte.

Es gibt ja auch Leute, die Viren eine Rolle in der Evolution zuschreiben. Ich glaube das auch. Bei meinen Kindern habe ich gesehen, daß nach überstandene Windpocken- und Maserninfektionen eine Art Entwicklungsschritt stattfand. Ja, ich weiß, daß extrem viele Indigene in Amerika an Masern gestorben sind, die ihnen die Weißen mitgebracht haben. Umgekehrt haben die Weißen die Syphilis aus Amerika nach Europa gebracht und hatten keine Chance zur Genesung. Da spielen solche Sachen wie Herdenimmunität und morphische Felder eine Rolle, vermute ich.

Daß das mit dem Kämpfen gegen etwas nicht funktioniert, sieht man auch schön an den Antibiotikaresistenzen, die mittlerweile in Krankenhäusern ein zunehmend größeres Problem darstellen. Denn nicht nur Viren, auch Bakterien sind so intelligent, daß sie ständig mutieren und damit immer gefährlicher für die menschliche Gesundheit werden. Ähnliches gilt auch für Ackergifte (Welcher Intelligenzbolzen hat sich eigentlich das Wort „Pflanzenschutzmittel“ dafür ausgedacht?).

Wenn Kampf, dann bitte für etwas: für saubere Luft, für Nahrung für alle, für ein friedliches Miteinander aller lebendigen Wesen, für die Freiheit die zu sein, die wir eigentlich sind – Zellen eine großen lebenden Organismus, die miteinander kooperieren wollen, jede auf ihre ganz eigene Art und Weise. Und ich bin in tiefster Seele überzeugt, daß wir hier sind, um uns des Lebens zu freuen und die Fülle der Erde zu genießen.

Meine Freundin I. sagte neulich: „Ich glaube, die Erde hat uns das Virus geschickt, damit wir lernen. Und sie wird uns auch das nächste und nächste schicken, bis wir es gecheckt haben.“ Diese Vorstellung gefällt mir gut.

Kartoffelrose mit Pentagramm

Reise

Pfingsten machte ich eine Reise nach NRW, zunächst nach Münster zu meiner Mutter. Am Samstag fuhr ich mit ihr zum Markt am Domplatz. Seit sie in dieser Stadt lebt, macht sie dort ihren wöchentlichen Einkauf und kennt fast alle. Durch Corona ist alles sehr kompliziert geworden. Die Stände sind auseinandergezogen worden, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Einige stehen jetzt auf dem Prinzipalmarkt, am Fürstenberghaus und vor der Bezirksregierung. Außerdem ist das Kopfsteinpflaster nicht wirklich für Rollatoren geeignet. Gemeinsam ging es dann aber ganz gut. Ich fand schnell die Stände, die sie aufsuchen wollte und an jedem wurde erst mal ausgiebig geschnackt. À propos Schnacken: In Münster ist anders als hier im Norden sogar auf dem Markt ein Mundschutz vorgeschrieben und überall hingen Marktordnungen rum. Darauf stand, daß man seinen Besuch auf dem Markt kurz halten und Gespräche vermeiden solle. Da musste ich lachen: Warum geht eine denn auf den Markt? Wegen der frischen Lebensmittel, klar, aber doch vor allem, weil man sich da trifft und unterhält. Meine Mutter, die ohnehin keine Angst vor dem Virus hat, ließ sich jedenfalls nicht von Gesprächen abhalten.

Den anschließenden Besuch im Marktcafé sparten wir uns allerdings ein: weder meine Mutter noch ich hatten Lust, uns zu registrieren und dann mit meilenweitem Abstand irgendwo zu sitzen. Wir fanden einen Platz auf einer Bank beim Denkmal des Kardinal von Galen unter den duftenden Linden und ich besorgte uns einen Kaffee to go.

Zum Mittagessen kam meine Tochter dazu und am Nachmittag fuhren wir dann weiter nach Bonn. Dort ging es sehr entspannt zu. Sonntag gingen wir zum Poppelsdorfer Schloss und trafen dort Stefans jüngeren Bruder und seine Familie. Wir saßen auf dem Rasen wie all die anderen Menschen, die sich über das schöne Wetter freuten und dort picknickten, Ball spielten und auf Slacklines balancierten. Gesichtsmasken trug keiner, die Abstandsregeln wurden sehr begrenzt eingehalten und es gab Umarmungen. Wir sind Herdentiere und können auf Dauer nicht unsere Instinkte und unser Bedürfnis nach Kontakt, auch Körperkontakt ignorieren. Das wäre auch nicht gesund. Übrigens fiel mir auf, daß die Mülleimer nicht ausreichten, um die riesigen Mengen an Einmalbechern, – tellern und sonstigen Abfällen aufzunehmen. Immerhin waren die Menschen so diszipliniert, ihren Müll ordentlich neben den Mülleimern zu platzieren. Leider ist der Gebrauch an Einmalmaterial durch die Corona-Maßnahmen enorm angestiegen. Ich bin sicher, daß man das mit gutem Willen auch anders regeln könnte. Le Camping in Flensburg hat’s vorgemacht, indem es Menüs in richtigem Geschirr geliefert hat, das am nächsten Tag wieder abgeholt wurde. Und warum es plötzlich unhygienisch sein soll, wenn ich meinen Kaffeebecher füllen lassen will, leuchtet mir nicht ein, zumal Professor Streeck ja nachgewiesen hat, daß sich das Virus nicht lange auf Oberflächen hält. Aber unsere Politiker*innen hören ja nur auf ihren Hofvirologen Drosten. Abends wurde dann im Garten gegrillt. Am Montag fuhren wir wieder in den Norden und freuten uns über die Ansagen des Zugbegleiters, der nach jedem Halt auf die Hygieneregeln hinwies und dabei Sätze wie diesen sagte: „Wir sind gesetzlich verpflichtet, eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen. Das ist nicht angenehm, auch für uns nicht.“ Zum Essen und Trinken nahmen wir natürlich den Mundschutz ab und so machten alle anderen es auch.

Gefunden in der Bonner Südstadt. Da schlägt mein Herz gleich höher, wenn ich das Anarchistensymbol sehe.

Zu Hause wartete unangenehme Arbeit auf mich. Einen Teil habe ich gestern erledigt: der Glasfaseranschluss musste in Betrieb genommen werden. Solche technischen Arbeiten hasse ich, aber ich wollte ja weiter telefonieren und ins Internet gehen. Es gelang mir, die diversen Kabel an der neuen Fritzbox anzubringen, aber dann kam ich nicht ins Netz und telefonieren konnte ich auch nicht. Also musste ich doch meinen neuen Provider anrufen, mit dem Smartphone. Das funktionierte freundlicherweise trotz des hiesigen Funklochs. Abends klappte dann alles und ich war sehr zufrieden. Jetzt wartet die nächste Aufgabe: die Inbetriebnahme meines neuen Notebooks. Leider hat mein altes, das erst 6 Jahre alt ist, mit dem Beginn des Lockdowns angefangen rumzuzicken: es macht keine Updates mehr und geht gern offline, wenn ich gerade am Surfen bin. Es war dreimal zu Reparatur und keiner konnte es in Ordnung bringen. Die Techniker vermuten einen Hardwareschaden. Jetzt habe ich ein gebrauchtes und überarbeitetes Notebook, das mir ein Freund meiner Tochter empfohlen hat. Auch mein Smartphone ist übrigens gebraucht. Das mache ich nicht nur wegen des Geldes, sondern hauptsächlich weil ich mich nicht an der Ausplünderung der Länder mit den seltenen Erden beteiligen und die Stinkreichen in Silicon Valley nicht noch reicher machen will.

Warten auf den Zug

Heute habe ich etwas Merkwürdiges erlebt: morgens hörte ich im Kamin ein lautes Schaben, als wäre der Schornsteinfeger da. Der hatte aber vor einigen Wochen schon gekehrt. Ich öffnete die Klappe und fand in dem rußigen Loch einen jungen Kormoran. Es gelang mir, ihn zu greifen und er flog aus dem weitgeöffneten Fenster. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser relativ große Vogel es geschafft hat, sich in das enge Rohr, das aus dem Schornstein ragt, zu zwängen. Daß sich kleinere Vögel darin verirren, Schwalben, Spatzen und einmal ein Star, habe ich schon öfter erlebt. Manche konnte ich befreien, wenn ich sie hörte. Aber ab und zu holt der Schornsteinfeger auch einen toten Vogel heraus.

Eine weitere Vogelbegegnung ereignete sich, als Lenchen mit einer Mehlschwalbe ankam. Da musste ich eingreifen. Ich nahm ihr den Vogel ab und er flog aus meiner Hand ins Weite. „Es tut mir leid“, sagte ich zu meiner Katze, wohl wissend, daß ich mich massiv in ihre Angelegenheiten eingemischt hatte, „daß du Mäuse isst, kann ich hinnehmen, aber Vögel spielst du nur tot und isst sie noch nicht mal auf.“ Lenchen trug es mit Fassung und rieb sich ausgiebig an meinen Beinen. Ich glaube, sie nahm es mir nicht weiter übel.

Zeit

Himmelfahrt fuhr ich nach Flensburg (ja, für mich heißt das immer noch Himmelfahrt, auch wenn ich keine Christin bin und ich bin froh, daß mir dieses Jahr die Besoffenen vorm Haus dank Corona erspart geblieben sind). Am Freitag gingen wir im Café K. frühstücken. Alles etwas umständlich: das Café musste mit Maske betreten werden, man bekam einen frisch desinfizierten Tisch zugewiesen und musste dann per Handy den Namen an die Telefonnummer des Cafés schicken. Schon klar: sollte ein Covid19-Fall auftreten, können sich gleich alle Besucher in Quarantäne begeben. Das Frühstück war gut, aber solche Besuche werde ich nicht oft machen. Dieses Registrieren ist ganz offensichtlich die Ersatzlösung für eine Handy-App, deren Nutzung angeblich freiwillig sein soll. Das ist so wie mit der Masernimpfung: offiziell ist sie nicht Pflicht, aber Eltern mit ungeimpften Kindern bekommen keinen Kita- und Schulplatz. Also ist es de facto ein Impfzwang.

Die Fußgängerzone war so voll wie vor dem Lockdown. Vor den Geschäften waren teilweise Schlangen. Einige drängelten sich vor, was Ärger gab. Die Freundlichkeit der Lockdownzeit ist wieder den gewohnten Umgangsformen gewichen. Schade! Wir kamen an einer Kneipe vorbei und konnten durch die offene Tür direkt auf den Tresen sehen: da saßen Männer Schulter an Schulter und tranken Bier. Vielleicht dachten sie, daß Alkohol Viren tötet. Ob die sich wohl auch registrieren mussten? Im Bioladen kaufte ich mir zwei neue Gesichtsmasken ohne Draht für die Nase. Die finde ich angenehmer. Allerdings musste ich sie zu Hause noch passend nähen.

Gestern fiel der zweite Schwarm. Das kam nicht überraschend: seit einigen Tagen drängelten die Bienen sich schon vorm Flugloch. Der Schwarm kreiste sehr lange über dem Garten und ließ sich schließlich in einem Ahorn außerhalb des Grundstücks nieder. Er hing so hoch, daß ich ihn nicht kriegen konnte. Ich wünschte den Bienen, daß sie ein schönes neues Zuhause finden. Aber es regte sich ein ganz kleines bisschen schlechtes Gewissen ihnen gegenüber. Ich weiß eigentlich gar nicht warum. Zwar habe ich im Imkerkurs noch gelernt, daß die Honigbienen ohne den Menschen und seine Eingriffe nicht überleben könnten, aber mittlerweile weiß ich, daß das nicht stimmt. Im Gegenteil: die wenigen noch von Menschen unbehelligten Bienenvölker haben nach den Forschungen von Torben Schiffer und Thomas Seeley wesentlich bessere Überlebenschancen als die von Imker*innen betreuten. Ich glaube, das ist auch so ein Merkmal unserer Kultur, daß man sich immer für alles Mögliche verantwortlich fühlt. Heute Nachmittag hing die Schwarmtraube nicht mehr im Ahorn. Sie haben also recht schnell was gefunden. Wie schön wäre es, wenn ich ihnen bei einem meiner Waldspaziergänge irgendwann mal in einem hohlen Baum begegnete.

Seit ich nicht mehr arbeiten muss, habe ich Zeit. Das hatte ich das letzte Mal als Kind, bevor ich zur Schule kam. Seit ich Zeit habe, wird mir bewusst, wie ich mich in den letzten mindestens 50 Jahren in ein sehr enges Zeitkorsett gequetscht habe, um all das zu schaffen, was gemacht werden musste und was ich gern machen wollte. Das ist natürlich ein typisches Merkmal unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems und es wird moralisch untermauert durch Sprüche wie „Wer rastet, der rostet“ und „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Sehr bezeichnend auch der Satz einer ehemaligen Kollegin „Arbeit adelt“ (als ob ausgerechnet Adlige arbeiten müssten). Dadurch, daß ich freie Zeit habe und nicht ständig an den nächsten Termin und die nächste Pflicht denken muss, kann ich großzügig mit meiner Aufmerksamkeit umgehen, für die Pflanzen, die Bienen, die Katze, andere Menschen. Ich nehme sie alle auf neue Weise wahr, irgendwie tiefer. Und es scheint so, als könne ich sie besser verstehen.

Ich glaube, Angstschüren und Zeitknappheit sind wesentliche Mittel, Völker gehorsam zu machen. Das Angstschüren hat ja seit dem Beginn der Coronapandemie prima geklappt und die Medien beteiligen sich eifrig daran. Und die Zeitknappheit ist so alt wie der Kapitalismus und hält diesen aufrecht. In Zeiten des Neoliberalismus ist das auf die Spitze getrieben: etliche Menschen müssen Zweitjobs machen, um ihre Mieten zahlen zu können.

Ein Mensch mit viel freier Zeit kann auch viel besser spüren, was er/sie wirklich braucht und hat vielleicht nicht soviele Ersatzbefriedigungen nötig. Zeit öffnet den Raum für die wahren Bedürfnisse. Und wer nichts tut, kann auch keinen Schaden anrichten. So gesehen ist Müßiggang ein subversiver Akt.

Schenken

Das Coronavirus hat mein ruhiges Leben noch ruhiger und kontemplativer gemacht. Das gefällt mir ganz gut. Ich bin noch nie die Shoppingqueen gewesen, aber jetzt macht das Einkaufen gar keinen Spaß mehr. Ich kaufe das Nötigste: Lebensmittel auf dem Markt, wo man wenigstens ohne Gesichtsmaske rumlaufen kann, und im Bioladen. Alle anderen Läden meide ich. Ich koche mir leckere Sachen und backe häufiger Kuchen als sonst. Ich fahre nur noch einmal pro Woche nach Kiel, spare also Sprit. Allerdings fängt diese Woche endlich der Französischunterricht im Institut francais nach wochenlanger Pause wieder an, was ich begrüße. Ich habe zwar zu Hause weiter geübt, aber in der Gruppe bringt es mehr und macht einfach mehr Spaß.

Gestern Mittag haben die Bienen für Abwechslung gesorgt und sind geschwärmt. Damit hatte ich erst in den nächsten Tagen gerechnet; die Eisheiligen sind ihrem Ruf treu gewesen und es schien mir zu kalt und zu windig. Die Bienen fanden das offensichtlich nicht. Ich beobachtete vom Küchenfenster aus, wie sie durch den Garten zogen, immer wieder vom starken Wind verweht wurden und erst nach langer Zeit entschieden , sich in einer ordentlichen Schwarmtraube in der Hauszwetsche aufzuhängen. Ich konnte sie leicht einfangen und in den bereit stehenden Top Bar Hive einziehen lassen. Eigentlich wollte ich ja nur noch ein Volk halten, wegen des Abstands (Bienen brauchen social distancing, um nicht krank zu werden und sich nicht gegenseitig das Futter streitig zu machen). Aber irgendwie fand ich es dann doch schön, wieder zwei Völker zu haben. Hoffentlich geht es gut.

M. hat mich vor einigen Wochen gefragt, ob ich mit ihr zusammen in Zukunft die Jahreskreisfeste organisiere. Im Gespräch stellte sich dann heraus, daß sie das auf Spendenbasis machen will. Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten und ihr gestern meine Entscheidung mitgeteilt: ich feiere die Jahreskreisfeste seit etwa 35 Jahren, allein, mit Freundinnen und einige Male auch mit meinem Exmann. Nie habe ich dafür Geld genommen. Ich habe diese Feste als Geschenk gesehen, für mich, für die Gästinnen und die Erde. Die Idee, dafür Geld zu nehmen, ist mir sehr unsympathisch. Ich will die Rituale aus der kapitalistischen Tauschlogik heraushalten.

Es ist doch so, daß wir im Grunde alles geschenkt bekommen: die Luft zum Atmen, die Schönheit der Natur, das Leben, die Liebe, und ursprünglich auch die Nahrung. Ich spiele mit dem Gedanken, mein Kräuterwissen als Geschenk weiterzugeben. Eigentlich ist das Wissen um Heilpflanzen Allmende (in der Oya benutzen sie dafür gern das englische Wort Commons, aber ich mag das alte Wort Allmende lieber). Tiere wissen, welches Kraut sie essen müssen, wenn sie krank sind. Menschen wussten es auch mal. Früher gab es wohl in jedem Dorf eine kräuterkundige Person, an die man sich wendete, wenn man Hilfe brauchte. Das überlieferte Pflanzenwissen wurde, angereichert mit eigenen Erfahrungen, weitergegeben. Auch das Hebammenwissen gehört in diesen Bereich. Da möchte ich auch wieder hin und ich halte es auch für dringend notwendig, wieder unsere eigenen Expert*innen für unsere Körper zu werden. Als ich mit M. darüber sprach, wendete sie ein, daß ich ja Geld für meine Ausbildung ausgegeben hätte. Das Pflanzenwissen habe ich mir allerdings größtenteils autodidaktisch beigebracht, ebenso das Feiern von Jahreskreisfesten und anderen Ritualen. Ich habe mittlerweile so oft erfahren, daß es immer irgendetwas zurück gibt: Freude, Begeisterung, Dankbarkeit, Inspiration.

Gestern schickte mir meine Tochter einen Link zu einer Sendung auf 3sat mit Scobel: Vulva – Lust und Tabu. Eine Gynäkologin, eine Sexualberaterin und die Autorin Mithu Sanyal, bekannt durch ihr wundervolles Buch Vulva unterhielten sich über weibliche Sexualität und die vielen Mythen dazu. Natürlich wurde zu meiner Freude auch Siegmund Freud mal wieder gründlich zerlegt. Er hatte wirklich null Ahnung von Frauen, hat aber seine Ahnungslosigkeit als Wahrheit verkauft und damit Generationen von Psychiatern infiziert. Als junge und ehrgeizige Psychiatrieschwester habe ich endlose Diskussionen über Freuds eklatante Fehleinschätzungen über weibliche Sexualtität mit ebenfalls jungen und ehrgeizigen Psychiatern geführt. Nicht daß ich sie überzeugen konnte. Sie hatten das an der Uni gelernt und von einer Frau wollten sie nichts Neues lernen. Die Gynäkologin sagte auf die Frage, wieso es so vielen Medizinern gänzlich unbekannt sei, daß die Klitoris nicht nur das kleine sichtbare Knöpfchen zwischen den Vulvalippen ist, sondern ein viel größeres Organ mit zwei Schenkeln, die die Vagina umfassen und auf das Doppelte ihrer Größe anschwellen können, daß diese anatomische Tatsache offensichtlich nicht interessiere. Immerhin weiß ich es seit etwa zehn Jahren. Was ich nicht wusste: die wahre Gestalt der Klitoris war schon vor einigen hundert Jahren bekannt und ist dann wieder in der Bewusstlosigkeit versunken.

Und da fällt mir Ilan Stephani ein, die uns dazu aufrief, alles und jedes zu hinterfragen, vor allem die Gewissheiten. Man verlässt mit diesem Hinterfragen scheinbar sicheres Terrain, aber es scheint mir notwendiger denn je. Das gilt auch für den Umgang mit dem Virus: es fällt schon auf, daß es in der BRD offensichtlich nur einen Virologen gibt, auf den die Regierung hört, Professor Drosten. Aber die anderen, die andere Forschungsergebnisse präsentieren, werden entweder ignoriert oder lächerlich gemacht (Karin Mölling, Hendrik Streeck, Wolfgang Wodarg). Ich glaube übrigens weder an Verschwörungtheorien, noch daß Bill Gates hinter der Coronasache steht (obwohl ich natürlich weit davon entfernt bin, seine enge Verbindung zu Pharmakonzernen gutzuheißen). Ich nehme auch nicht an Demos teil, die ihren Unmut über den Entzug der meisten bürgerlichen Freiheiten anprangern, auch wenn ich die Empörung verstehen kann. Ich halte das Virus weder für eine Strafe Gottes noch für ein Geschenk des Himmels. Was das Virus uns bringen wird, werden wir sehen. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Nicht-Wissen und fühle mich gerade sehr ruhig, sehr entspannt und beobachte mit großem Interesse, was auf unserer Planetin geschieht. Es bleibt spannend.

Zum Schluss noch ein schönes Zitat von der Science fiction-Autorin und Philosophin Ursula LeGuin: „Wir müssen unser In-der-Welt-Sein von Grund auf neu lernen.“ Recht hat sie!