Schöne Begegnung

Donnerstag gehe ich immer in Kiel auf den Markt und dann ins Café. Dort begegne ich meistens einer Frau in meinem Alter, die wie ich an der ausliegenden Süddeutschen Zeitung interessiert ist. Wir teilen sie uns dann. Heute hatte sie den politischen Teil und ich bekam erst mal das Feuilleton. Als ich mit dem Artikel über die kürzlich verstorbene Claudia Cardinale fertig war, reichte sie mir den Rest der Zeitung rüber. Aber ich kam gar nicht dazu, ihn zu lesen, weil wir das erste Mal plötzlich in einem Gespräch waren: daß die Süddeutsche vor vielen Jahren ziemlich gut gewesen und wie schlecht sie mittlerweile geworden sei. Es stellte sich heraus, daß wir uns richtig was zu erzählen hatten und in vielem eine ähnliche Sicht auf die Dinge haben. Ein erfreuliches Gespräch.

Bewohntes Hornissennest in einem gespaltenen Baum

Ich habe eine Doku über die Kundgebung „Stoppt den Völkermord in Gaza „mit Sahra Wagenknecht, Gabriele Krone-Schmalz, Dieter Hallervorden und einigen anderen Leuten in Berlin gesehen . Didi Hallervorden legte eine beeindruckende Show ab, sehr sehr toll und ergreifend. Der Mann ist fast 90. Alle Achtung! Und ein weiterer alter Mann hat mir sehr gefallen: Roger Waters von Pink Floyd per Video mit  einer vehementen und eindringlichen Botschaft. Jetzt bedauere ich, daß ich nicht dabei gewesen bin. Ich hätte auch gern Sahra Wagenknecht und Gabriele Krohne-Schmalz life mitbekommen.  Es tut gut zu sehen, daß es so viele tolle Menschen auf der Erde gibt.

Spätsommerfülle

Wermut

Heute regnet es ergiebig. Ich kann nichts im Garten tun. Auch gut, ein Tag zur freien Verfügung. Ich sehe den Staren zu, die spektakelnd im Zwetschenbaum sitzen und sich die Bäuche vollschlagen. Ich habe zwei Zwetschenkuchen gebacken, Zwetschen verschenkt und Zwetschen entkernt und eingekocht. Den Rest können sich gern die Stare holen.

Im Schuppen trocknen die Zwiebeln und der Knoblauch, die Kartoffeln sind geerntet, die Tomaten eingekocht, Huflattich, Melisse, Schachtelhalm und Wermut befinden sich in Kartons und Gläsern  und im Regal stehen etliche Gläser mit Apfelmus aus den Klaräpfeln. Oft denke ich an meine Oma und Mutter, wie sie im Sommer Beeren sammelten, Marmelade und Gelee kochten und Zwetschen, Kirschen und Apfelmus machten. Das stand dann alles im Keller in Holzregalen. Ich mag diese Tätigkeiten; sie verbinden mich mit der Fülle. Demnächst werde ich blühenden Efeu sammeln und wieder eine Medizin für meine Schilddrüse machen. Alles ist da, es muss nur erkannt werden.

Am Sonntag kam mein Imkerfreund HU vorbei und wir räumten gemeinsam den Stock des ausgeraubten Bienenvolks aus. Es waren nur fünf Waben gebaut worden, kein Tropfen Honig mehr – die Räuberinnen hatten ganze Arbeit gemacht. Dieses Volk war zu klein und schwach gewesen; es hatte einen schlechten Start und hätte den Winter nicht überlebt. Es war aber schön, alles gemeinsam anzusehen und sich auszutauschen.

Jetzt geht es auf die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche zu und das ist auch die Zeit, in der für die Ernte gedankt.

Strecknitzaltar im Lübecker Dom

David Seven Deers sagte, daß wir Menschen in Europa in der Schule Geschichten aus dem Nahen Osten lernten, also alles, was in der Bibel steht. „Aber ihr habt eure eigenen Geschichten.“ Und das stimmt ja auch: unsere eigenen Geschichten aus der Zeit, bevor die Kirchen die heiligen Haine zerstörten und ihre Gotteshäuser auf die heiligen Plätze setzten, aus der Zeit, als Menschen noch die Sprache der Tiere verstanden und sich als Teil der Landschaft erlebten, sind verdrängt worden, überleben noch in Märchen, in  alten Bildern, oft in verstümmelter Form. Es sind die Geschichten unserer Ahnen, die hier gelebt haben, die ihre Erfahrungen, ihre Fertigkeiten, ihr Heilwissen, ihre Rituale von Generation zu Generation weitergegeben haben. In der Schule waren diese Geschichten kein Thema. Dennoch sind Geschichten oft das einzige, was geblieben ist.

Die drei Frauen auf dem Strecknitzaltar im Lübecker Dom enthalten auch eine alte Geschichte: abgebildet sind von links die heilige Katharina mit dem Schwert, Maria mit dem Kind und die heilige Barbara mit dem Turm. Katharina und Barbara sieht man auf vielen alten Darstellungen zusammen mit Margarete: „Barbara mit dem Turm, Margarete mit dem Wurm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madln“. Lange bevor die drei zu Märtyrerinnen umgedeutet wurden, waren sie im alten Glauben die drei heiligen Frauen, zu denen auch die drei Nornen der germanischen Mythologie gezählt wurden. Barbara mit dem Turm konnte vor Blitzschlag schützen, Margarete hielt einen Wurm (=Drachen) und war damit die Hüterin der Erdenergien und zu Katharina gehört das achtspeichige Jahresrad. Auf diesem Altarbild hat man Margarete mit Maria und dem Kind ersetzt und Katharina ein Schwert gegeben.

Die spirituelle Frauenbewegung hat seit den 80er Jahren viele alte Geschichten ausgegraben, zunächst auch eher die aus fremden Kulturen, dann mehr und mehr unsere eigenen: Heide Göttner-Abendroth und Vera Zingsem sind nur zwei der vielen Frauen, die sich mit unseren eigenen spirituellen Wurzeln befasst haben.

 

 

Am Feuer mit David Seven Deers

Meine Chinesische Medizinfrau und ich sind zusammen nach Lübeck gefahren, um David Seven Deers im Innenhof des Lübecker Doms zu erleben. David ist ein Indianer und legt auch Wert darauf so genannt zu werden. Er fertigt zur Zeit eine Gravur , „the Spirit Canoe“ auf einem gespaltenenen Findling, der der Stadt Lübeck geschenkt werden und ihr Segen bringen soll. Jeden Donnerstag kann man mit ihm am Feuer sitzen und ihm zuhören. Ich habe Neues erfahren: daß nämlich die Indianer nicht aus Sibirien über die Beringstraße nach Amerika gekommen sind. „Wir waren schon immer da“, sagte David, der aus Kanada, British Columbia, kommt. PotlNachdem er über sich und sein Verhältnis zu Deutschland erzählt hatte, las er uns aus einem Buch vor, das er geschrieben hat. Eigentlich ist es ein Kinderbuch, aber mich hat es völlig gepackt. Es hat den Titel Potlatch,  das ist ein Ritual, in dem der ganze Besitz verschenkt wird in der Gewissheit, daß das Leben immer alles gibt, was man braucht. Eine Geschichte, in der ein Junge mit der Hilfe eines Raben und eines Dachses ein Abenteuer erlebt, das auch eine Initiation ist.

Im Hintergrund, unter dem weißen Zeltdach, kann man den Findling erkennen, an dem David arbeitet

Ich kann noch gar nicht in Worte fassen, was diese eineinhalb Stunden in mir ausgelöst haben. Es hat mich in der Tiefe berührt. Charles Eisenstein spricht gelegentlich davon, daß die Veränderung von den Rändern (margins) kommen wird. Und genau das fiel mir an diesem magischen Abend ein, denn David Seven Deers repräsentiert ein Volk, daß weit an den Rand gedrängt wurde. Jetzt bringt er seine Medizin (so nennt er seine Kunst) nach Europa.

Heute entdeckte ich, daß es auf NDR einen Beitrag über den Abend gibt. Auf einer der Bänke kann man I. und mich sehen.

 

Gorbatschow

Blick auf die Elbe in der Sächsischen Schweiz

Vor einigen Tagen habe ich einen Film gesehen, den ich gern weiterempfehle. Man findet ihn auf Youtube unter dem Titel Gorbatschow und Gödelitz. Gödelitz ist ein Gut in Sachsen, in dem seit längerer Zeit interessante Veranstaltungen stattfinden. Eine davon wird hier vorgestellt: Die Journalistin Bettina Schaefer stellt darin ihr Buch Michail Gorbatschow – wie er unser Leben veränderte vor. Begleitet wird sie von der Journalistin Gabriele Krone-Schmalz, die wegen ihrer sehr differenzierten Sichtweise auf den Ukrainekrieg mittlerweile von den Leitmedien entweder auf Übelste niedergemacht oder völlig geschnitten wird. Sie spricht fließend Russisch, hat Gorbatschow persönlich interviewt und, wie aus den Filmausschnitten erkennbar, offensichtlich auch ein sehr herzliches Verhältnis zu ihm gehabt. In mir, die ich ja inmitten des Kalten Krieges mit seiner immer latenten Gefahr eines Atomkrieges aufgewachsen bin, hat dieser Film starke Gefühle ausgelöst. Gorbatschow war derjenige, mit dem sich der Wind Richtung Frieden gedreht hat. Er hat vorgemacht, wie man aus einem erstarrten System aussteigen kann. Und ganz offensichtlich hat er, anders als seine Vorgänger und die Regierenden der Westmächte, das Menschliche in den Vordergrund gestellt. Mittlerweile befinden wir uns wieder in einem neuen kalten Krieg und die Mächtigen, zumindest die der westlichen Welt, sind ganz heiß darauf, einen neuen heißen Krieg mit Russland vom Zaun zu brechen. Die Kriegspropagandamaschine läuft auf Hochtouren. Für nichts ist Geld da in Deutschland, für Waffen aber jede Menge.

In diesem Zusammenhang möchte ich erneut auf das European Peace Project hinweisen. Und am 13.9. findet in Berlin eine große Friedensdemo statt, auf der u. a. Sahra Wagenknecht, die bereits erwähnte Gabriele Krone-Schmalz und Didi Hallervorden sprechen werden.

Ein sehr beeindruckender Flashmob, der kürzlich in Berlin stattfand.

Mein kleines Bienenvolk ist tot. Als ich aus Sachsen zurückkam, sah ich Wespen, die daran interessiert waren, in den Stock zu kommen und Honig zu naschen. Ich verengte das Flugloch, um ihnen das Eindringen zu erschweren. Die Abwehr der Bienen schien zu funktionieren: ich sah Wächterbienen, die den Zutritt erfolgreich abwehrten. Einige Tage später sah ich dann jedoch, daß auf dem Flugbrett Kämpfe zwischen Bienen stattfanden – kein gutes Zeichen. Dann war plötzlich alles voller Bienen, als wäre ein Schwarm gefallen. Es war nun klar, daß meine Bienchen von fremden Völkern ausgeraubt wurden. Das ist nichts Ungewöhnliches um diese Jahreszeit; ich habe es allerdings bei keinem meiner Völker bisher erlebt. Fremde Bienen dringen ein, klauen den Honig und töten die Bienen. Das geschieht eigentlich nur bei schwachen Völkern. Meines hatte, wie berichtet, einen Start mit Hindernissen und die Eiablage der neuen Königin fand recht spät statt, so daß dieses Volk sich nicht schnell entwickeln konnte. Ich konnte nur hilflos zusehen. Am nächsten Morgen lagen viele tote Bienen und abgeschrotetes Wachs von den geöffneten Honigzellen im Gras. Viele Drohnen hingen an der Stirnseite des Bienenstocks. Ab und zu fiel einer herunter. Die Drohnen können keinen Nektar aus Blüten saugen; sie sind darauf angewiesen, von ihren Schwestern gefüttert zu werden. Aber ihre Schwestern waren tot. Es zerriss mir fast das Herz, dieses Elend mitanzusehen.