W.A.I.T…

… ist die Abkürzung für „Why am I talking?“ Ich fand diesen Satz in dem Essay We Can Do Better Than This von Charles Eisenstein. Er hat ihn von Gigi Coyle, die den Way of Council praktiziert. Es geht darum, sich beim Sprechen bewusst zu machen, warum eine oder einer sprechen will, vielleicht um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder weil man seine eigenen Ansichten für sehr wichtig hält, vielleicht auch, weil man es einfach gewohnt ist zu sprechen oder seine eigenen Geschichten gern noch mal vor Publikum äußern will. Warum mich dieser Satz angesprochen hat? Weil ich selber gerne und viel spreche. Das ist eine Angewohnheit, die aus dem mütterlichen Teil meiner Familie stammt. Und es ist eine sehr schlechte Angewohnheit, die ich gern loswerden möchte. Bisher war ich da aber noch nicht sonderlich erfolgreich.

Wie nervig es ist, wenn andere Menschen sehr viel reden, habe ich gerade vor einigen Tagen wieder erlebt: der Besitzer eines Geschäfts in Kiel nahm eine kleine Bemerkung von mir zum Anlass, mich mit seiner Meinung zu Corona und den Maßnahmen der Regierung zuzutexten. Das wurde ganz schnell sehr unangenehm. Ich hatte nicht das Gefühl, daß es ihm um ein Gespräch ging, er wollte offensichtlich einfach nur eine Menge Worte loswerden und bekam rein gar nichts mit. Weder, daß ich mich immer mehr Richtung Ausgang bewegte, noch daß ein Kunde hereinkam und wartend vor dem Tresen stand. Irgendwann sagte ich in seinen Redeschwall hinein: „Ich muss jetzt gehen“ und ging.

Wie gesagt, ich kenne beide Seiten. Auch ich bekomme wahrscheinlich gar nicht so selten nicht mit, ob andere Lust haben, mir zuzuhören und riskiere, daß mein Gegenüber innerlich wegtritt. Dagegen fällt es mir bei anderen natürlich sofort auf, wenn ihre Redezeit für meinen Geschmack zu lange dauert. Es gibt einen sehr gelungenen Spruch aus den 12-Schritte-Gruppen: „Du kannst über alles reden, nur nicht über zwanzig Minuten.“ Wobei mir persönlich schon 10 Minuten völlig reichen, danach lässt meine Aufmerksamkeit rapide nach.

Eine kluge Frau sagte mir mal, als ich dieses Problem zum Thema machte, ich solle meinen Gesprächspartner ansehen, während ich spreche. Das ist sicher ein guter Hinweis. Ich ertappe mich selbst oft dabei, daß ich beim Sprechen in die Luft sehe, weil ich dann einfach besser reden kann. Aber natürlich ist dann mein Sprechen eine völlig kontaktlose Angelegenheit. Ich bin übrigens richtig dankbar, wenn mein Gegenüber mich darauf hinweist und etwa sagt: „Du, ich kann dir nicht mehr zuhören“ oder „Das ist mir jetzt zuviel Info“. Ich weiß aber von mir selbst, wie schwer das ist. Wir haben da diese Hemmung, den anderen zu unterbrechen und ihm ganz klar zu sagen, daß wir genug haben. Wir wollen höflich sein und machen gute Miene zum nicht so guten Spiel.

Am Internationalen Frauentag hielt ich mich in Münster auf, verbrachte Zeit mit meiner Mutter und erledigte bürokratische Formalitäten für sie in der Stadtverwaltung. Darüber wollte ich gern etwas schreiben, aber ein Windows-Update bewirkte, daß mein Notebook die SD-Karte meiner Kamera nicht mehr erkannte und ich Expertenhilfe brauchte. Sieben Tage war ich ohne Rechner. Am ersten Tag ärgerte ich mich, am zweiten fand ich, daß es mir gut tun könnte, eine Zeitlang offline zu sein. Und so war es dann auch.

Ich merkte dabei auch, daß mir die ganzen Online-Angebote allmählich zum Hals raushängen. Z. B. habe ich mich bei Pioneers of Change angemeldet, weil da einige interessante Leute sprechen sollten, etwa Veronika Bennholt-Thomsen oder Charles Eisenstein. Aber dann kamen schon Wochen vor dem Online-Kongress fast täglich neue Mails mit vielen bunten Smileys vom Veranstalter und ich dachte: Ach, lasst mich doch einfach mal in Ruhe. Na, und dann war ich ohne Notebook, konnte nichts in mein Blog schreiben und mich nicht mit der Infoflut befassen. Da hat mir das Leben also eine handfeste Lektion zum Thema W.A.I.T. gegeben. Das war sogar richtig schön. Stattdessen hatte ich zwei sehr erfreuliche Gesprächskontakte mit meinem Zahnarzt und einer Freundin und nach langen Monaten eine Einzelstunde mit meinem Yogalehrer. Und ich hatte Zeit für schamanische Reisen und viele Kontakte mit der mehr-als-menschlichen Welt.

gefunden in Münster

Ich spiele mit dem Gedanken, mich von Microsoft zu trennen, nicht nur wegen der Probleme, die umfangreiche Updates oft mit sich bringen. Es geht mir extrem auf den Geist, daß ich ständig Sachen auf meinen Rechner geladen bekomme, die ich nicht haben will. Ich denke ernsthaft über Linux nach.

Hüter der Erde

Die Bienen fliegen wieder!

In Flensburg gibt es einen kleinen Wald am Bahnhof. Den hat die Stadt freigegeben, damit die Bäume gefällt und auf der Fläche ein Hotel und ein Parkplatz gebaut werden. Die Stadt Flensburg findet also ein Hotel wichtiger als einen Wald. Man kennt das. Im Oktober haben Menschen den Wald besetzt und Baumhäuser nach dem Vorbild des Hambacher und Dannenröder Forstes gebaut. Ich sehe sie als Hüter*innen der Erde. Eigentlich sollte der Platz jetzt von der Polizei geräumt werden, denn ab 1. März sind wegen der brütenden Vögel keine Baumfällarbeiten mehr erlaubt. Jetzt hat sich aber eine Coronavirusmutation in Flensburg ausgebreitet und die Oberbürgermeisterin hat nicht nur alle Coronarestriktionen noch mal drastisch verschärft sondern verfügt, daß das besetzte Gelände nicht geräumt werden darf, damit es nicht zu einem Superspreaderevent kommt, wenn die Polizei die Baumbesetzer wegtragen muss und es dann vielleicht zu handfesten Auseinandersetzungen kommt. Man könnte also sagen, das Coronavirus hat dem Wald geholfen. Gestern Morgen kam dann im Radio die Nachricht, daß die beiden Waldbesitzer Fakten geschaffen haben, indem sie einen Trupp Forstarbeiter mit Motorsägen zusammen mit privaten Securityleuten vorbeigeschickt haben. Die haben den Wald eingezäunt und dann angefangen, Bäume zu fällen. Das Ganze wurde wenig später von der Polizei gestoppt.

Es wird hierzulande ja gern mit großer Empörung auf Brasilien gezeigt, wo mit ausdrücklicher Billigung von Bolsonaro der Amazonaswald vernichtet wird. Aber hier geschieht doch genau dasselbe: Wald wird abgeholzt für Braunkohletagebau, für eine Autobahn und jetzt für ein Hotel.

Irgendein Experte hat dringend dazu geraten, zwei Masken übereinander zu tragen, da eine allein nicht ausreiche, um das Virus einzudämmen. Die nächste Steigerung wäre dann, den Menschen das Atmen zu verbieten. Da das schlecht geht, hätte ich noch einen Vorschlag: daß alle aufgefordert werden, sich eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen. Dann hätte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Coronaseuche und die Homo sapiens-Seuche. Ich würde allerdings darauf bestehen, daß als allererstes die Herrschenden mit gutem Vorbild vorangehen.

Ja, ich weiß, ich bin zynisch. Aber zur Zeit kann ich nur so den alles beherrschenden Wahnsinn ertragen.

Ich habe mir vorgenommen, zu jeder schlimmen Geschichte auch eine schöne zu schreiben. Hier ist sie:

I. hat mir ein ganz zauberhaftes Buch geliehen: Eine Frau erlebt die Polarnacht von Christiane Ritter. Es ist bereits 1938 erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich. Die Geschichte spielt 1933. Die Autorin besucht für ein ganzes Jahr ihren Mann, der als Jäger und Forscher auf Spitzbergen in der Arktis lebte. Sie lebt dort mit ihm und einem jungen Norweger in einer kleinen Hütte ein ganz einfaches Leben ohne Strom und fließendes Wasser unter teilweise extremen Bedingungen: monatelange Dunkelheit, nur erhellt durch Mond und Polarlichter, Temperaturen um -35°, wochenlanges Alleinsein, wenn die beiden Männer auf der Jagd sind. Sie verschweigt nicht, daß es ist nicht immer leicht für sie gewesen ist. Aber alles in allem hat sie in diesem Jahr ganz ohne den gewohnten Komfort so intensive und beglückende Naturerfahrungen gemacht, daß sie später von sich selber sagt, sie sei für ihr altes Leben verdorben. Auch daß in ihrer Abwesenheit ihr Wohnhaus in Österreich abgebrannt ist, tangiert sie nicht wirklich. In dem Buch finden sich auch Zeichnungen und Aquarelle der Autorin. Daß sie gelernte Malerin ist, erkennt eine an den sehr anschaulichen Landschafts- und Farbbeschreibungen. Mich hat dieses Buch so fasziniert, daß ich es mir auch bei Booklooker bestellt habe. Ich habe zwar nie unter solchen Extrembedingungen gelebt, aber ich kann die Glücksgefühle dieser Frau über ihr Jahr in der Arktis gut verstehen. Sie hat einfach die Erfahrung gemacht, was wirklich im Leben zählt und daß das Allermeiste, das wir angeblich so privilegierten Europäer für lebensnotwendig halten, einfach nur Ballast ist, der uns von der Natur, von der Erde, dem Himmel, den Elementen trennt. Im Grunde sind wir schrecklich verarmte Seelen, weil wir uns so weit von der Natur entfernt haben.

Ich habe mich heute in die Natur begeben, einen langen Spaziergang durch Wald und Feld gemacht und den Wildschweinen Kartoffeln zum Platz unseres Lichtmessrituals gebracht.

Kommunikation mit allen Wesen

Villa Kunterbunt

Gestern machten E. und ich auf einem meiner magischen Plätze ein Lichtmessritual (Bei Alma mater habe ich Lichtmess als Fest des zunehmenden Mondes im Wassermann kennen gelernt, also als bewegliches Fest. Dieses Jahr gab es zwei zunehmende Mondphasen im Wassermann, eine im Januar, eine im Februar). Als wir den Kreis gezogen und die sieben Richtungen eingeladen hatten, fing es an zu schneien. Während des ganzen Rituals begleiteten uns unzählige Keile von laut rufenden Singschwänen, die nach Norden zum Selenter See zogen, mit ihren Rufen. Ich äußerte den Wunsch, mich mit allem, was lebendig ist, zu verbünden/verbinden und zu lernen, mit ihnen zu kommunizieren. E fragte, ob ich damit auch die Viren meinte. Ja, natürlich meine ich auch die. Jetzt würden Virolog*innen sagen, daß Viren keine Lebewesen sind. Das sehe ich anders; ich halte es da mit den Indigenen auf allen Kontinenten, die nicht nur Menschen und alle anderen Tiere, Pflanzen, Pilze und Bakterien für lebendig halten sondern ebenso Wasser, Erde, Feuer, Luft und die kleinen Völker.

Als wir den Heimweg durch eine mittlerweile völlig im Schnee versunkene Landschaft antraten, dämmerte es schon. Vor uns bewegten sich ein paar schwarze Schafe im Schnee. Das machte mich stutzig, weil ich mitten in einem sumpfigen Gebiet ohne Zäune keine Schafe erwartete, schon gar keine schwarzen. Dann erkannte ich, daß es sich um drei Wildschweine handelte. Ich bin in meinem Leben schon ein paarmal Wildschweinen begegnet und ging auf sie zu. Die Wildschweine sahen uns und verschwanden im Reet. Sie haben gute Gründe, sich vor Menschen zu fürchten.

L. machte mich darauf aufmerksam, daß meine Äußerung, es gäbe in meinem Umkreis keine einzige Person mit Covid-19, bei ihr den Eindruck hinterlassen hatte, ich täte die Krankheit als Bagatelle ab. Zwar habe ich das weder gesagt noch gedacht, aber ich möchte es doch sicherheitshalber klarstellen. Wie ich diese Krankheit einstufen soll, weiß ich noch nicht. Und ich denke, daß keiner das zum derzeitigen Zeitpunkt sicher wissen kann. Vielleicht haben wir irgendwann einmal die Möglichkeit, Vergleiche zu Grippeepidemien zu ziehen. Ich habe keinen Zweifel daran, daß es schwere Covid-19-Verläufe gibt. Ich habe auch keinen Zweifel daran, daß die in den Medien häufig beschworenen schwerwiegenden Folgeschäden oft eher durch intensivmedizinische Behandlung zustande kommen. Man muss sich nur vorstellen, daß eine Beatmung mit starkem Druck Superstress für ohnehin schon geschädigte Lungenbläschen ist. Auch die Medikamente, die gegeben werden, können Langzeitschäden hervorrufen. Das gern und oft verabreichte Cortison z. B. ist ein Hormon, das sehr nachhaltig in die Selbstregulation des Körpers eingreift, auch wenn es längst abgesetzt worden ist. Im Übrigen: es gibt keine Medikament ohne unerwünschte Begleitwirkungen. Mittlerweile kenne ich übrigens eine Person, die an Covid-19 erkrankt ist, aber mit einem offensichtlich leichten Verlauf. Vielleicht habe ich bisher sowenig von dieser Krankheit mitbekommen, weil ich in einem Landkreis lebe, in dem es unterdurchschnittlich viele Coronafälle gibt: auf den bunten Karten in der Süddeutschen Zeitung, die ich einmal in der Woche lese, ist der Kreis Plön bis auf einen Ausreißer immer grau eingefärbt, also mit einem Inzidenzwert unter 35. Hohes Fieber ist übrigens kein Anzeichen für einen schweren Verlauf. Fieber ist eine sinnvolle Reaktion des Organismus auf eine Infektion. Fieber unterstützt die Heilung. Die Generation meiner Eltern und Großeltern wusste das noch und reagierte ganz entspannt, wenn wir Kinder Fieber hatten. Da wurden dann Wadenwickel gemacht und ansonsten vertraute man der Weisheit unserer Körper. Das Problem ist, daß Fieber mittlerweile als etwas Gefährliches angesehen wird. Als junge Krankenschwester lernte ich noch im Klinikalltag Wadenwickel anzuwenden. Das hat sich spätestens in den 90er Jahren geändert: seitdem bekam jeder Patient ab 38°C eine Paracetamol verpasst. Ich habe 1986 eine Influenza mit 40°C Fieber gehabt. Daran habe ich nur gute Erinnerungen: ich lag drei Tage lang in Fiebertrance zu Hause in meinem Bett und danach ging es wieder aufwärts. Das ereignete sich in einer entscheidenden Phase meines Lebens und fühlte sich im Nachhinein wie ein Häutungs- oder Transformationsprozess an. Auch meine Kinder durften Fieber haben und bekamen nur Belladonna D6 und gelegentliche Wadenwickel. Ich glaube, das Problem in unserer heutigen Zeit ist, daß Menschen Krankheit genauso wie Tod nicht mehr als natürlichen Bestandteil des Lebens akzeptieren. Fieberhafte Infektionserkrankungen sind außerdem ein gutes Training für unser Immunsystem.

Zum Schluss noch eine Empfehlung: Im Arzneimittelbrief 2020, 54 steht ein ausführlicher Bericht über die Risiken genetischer Impfstoffe. Ich habe ihn gelesen und mich bestätigt gefühlt in meiner Absicht, mich nicht impfen zu lassen.

Kalt

In Flensburg

Hier ist weiterhin richtiger Winter: heute Morgen waren es -7° C auf dem Thermometer neben meiner Haustür. Eine Freundin meiner Mutter rief an und erzählte, in Münster seien es -15° C. Dagegen ist es hier fast warm. Sie haben dort auch viel mehr Schnee, soviel, daß viele gar nicht zur Arbeit gekommen sind. Im verschneiten Garten kann ich sehen, wer sich da alles herumtreibt: außer den Vögeln an der Futterstelle und den Pfotenabdrücken meiner Katze fand ich auch Fuchsspuren. Ich habe extra noch mal in meinem Spurenbuch nachgeschaut und fand es bestätigt. Ich freue mich, wenn wilde Tiere so nah herankommen.

Winterrose

Gestern machte ich in Kiel meine wöchentlichen Einkäufe. An einem Stand fragte ich den Besitzer, ob ihm nicht kalt sei unter seiner Zeltplane. Er zeigte nach unten auf einen für mich unsichtbaren Gasbrenner. Dann reichte er mir wortlos seine Hand über den Tresen. Ich streckte ihm meine entgegen und er umfasste sie mit seiner großen warmen Hand. „Das ist schön“, sagte ich und lachte ihn an. Wir hatten beide keine Maske auf; ich hatte auch kein Schild gesehen, daß hier Maskenpflicht sei. Diese Begegnung bewirkte, daß ich gar nicht anders konnte, als fröhlich grinsend zu meinem Auto zu gehen. Und den Rest des Tages habe ich mich weiter darüber gefreut, wann immer mir diese Situation einfiel.

In den Nachrichten wird oft bemängelt, daß Deutschland in der Digitalisierung so weit hinten liege, was sich jetzt in Zeiten des Online-Unterrichts für Kinder besonders zeige. Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Digitalisierung. Ich mag vieles am Internet, benutze es aber pro Tag meist weniger als eine Stunde. Ich sehe selten Videos, einfach weil ich nicht die Geduld aufbringe, mir Sachen anzusehen, die länger als 10 Minuten dauern. Na gut, beim Neuen Evangelium war es ausnahmsweise anders. Mein Französischunterricht findet mittlerweile per Zoom statt. Das ist besser als nichts, aber kein Vergleich zu Präsenzunterricht. Ich glaube auch, das die Digitalisierung Probleme mit sich gebracht hat, die wir vorher nicht hatten und zudem ziemlich viel Zeit frisst. Und wenn ich daran denke, welcher Raubbau an der Erde geschieht, damit Digitalisierung möglich ist, dann glaube ich, daß wir es eher mit einem Fluch als mit einem Segen zu tun haben. Überhaupt scheint es mir, daß mit jeder technischen Neuerung, die ja angeblich immer irgendein Problem lösen soll, mehrere neue Probleme entstehen. Beispiel: erneuerbare Energien. Auf dem Weg nach Flensburg sah ich die Windkraftanlagen, die mittlerweile überall die Landschaften verschandeln. Ja, auch ich beziehe Ökostrom aus Wasserkraft, Wind- und Sonnenenergie. Aber Öko ist eigentlich nicht der richtige Name. Denn um etwa Windkraftanlagen zu bauen, braucht es sogenannte seltene Erden. Dafür wird unter anderem der Kongo (Coltan) ausgeplündert, dafür werden Regierungen weggeputscht (Bolivien wegen seiner Lithiumvorkommen) usw. Wenn dann die Windräder nach ungefähr 20 Jahren entsorgt werden müssen, weiß man nicht, wohin mit den giftigen Altlasten. Ähnliches gilt für die überaus hässlichen Photovoltaikanlagen. Wie man es dreht und wendet, unser Stromverbrauch muss drastisch reduziert werden. Warum auch nicht? Was spricht dagegen, wieder mehr Handarbeit einzusetzen? Was spricht dagegen, das Leben wieder zu vereinfachen, was auch bedeutet, den Besitz an elektronischen und elektrischen Geräten einzuschränken. Wozu braucht ein normaler Autofahrer z. B. ein Navi? Wenn ich Sahne mit meinem mechanischen Gerät steif schlage, brauche ich exakt genauso lange wie mit dem elektrischen Gerät. Eischnee kann eine prima mit einer Gabel steif schlagen. Körperliche Arbeit hebt die Stimmung, das erlebe ich immer wieder. Bestimmt haben wir unsere Körper nicht dafür, ab und zu irgendwelche Knöpfe zu drücken. Gerade jetzt, wo es wenig Möglichkeiten gibt, Geld auszugeben, außer man bestellt online (was ich genauso wenig mache wie in Vor-Corona-Zeiten), merke ich, daß mir nicht wirklich was fehlt. Als ich jung war, hätte ich gern mehr Geld gehabt, um mir Klamotten und Schuhe zu kaufen. Das kennt wahrscheinlich jede Frau. Ja, ich mag mich immer noch gern schön anziehen, aber ich trage meine Sachen mittlerweile oft mehr als 10 Jahre. In Flensburg unterhielten wir uns über dieses Thema und kamen zu dem Schluss, daß das ganze Konsumieren, so typisch für unsere Kultur, im Grunde ein Ersatz ist für etwas, was wir vor langer Zeit verloren haben. Heini Staudinger von den Waldviertler-Werkstätten in Österreich erzählt in der Zeitschrift Brennstoff oft, daß er auf seinen Afrikareisen viel Armut gesehen habe, aber gleichzeitig viel, viel mehr Lebensfreude als in Europa. Und heute fand ich in einem alten Tagebuch die Nachricht von Ute Schirans Tod, in der ihre Lebensgefährtin Rita folgenden Satz schrieb: „Die Einfachheit und der daraus erwachsende Reichtum, mit dem sie gelebt hat und gestorben ist, möge sich fortsetzen.“ Der Reichtum, der aus Einfachheit entsteht, ja, wie schön und wie wahr.

Denn was erfreut denn viel mehr als ein schönes neues Kleidungsstück? Da bin ich wieder bei dem fremden Mann, der seine warme Hand um meine legt und mich zum Lachen bringt…

Stürmische Zeiten

Ich komme gut klar mit dem Lockdown, weil ich gern allein bin und es dafür kaum einen schöneren Ort als mein kleines Dorf gibt. Aber es ist auch schön, mal wieder unter Menschen zu sein und in einen anderen kleinen Kosmos einzutauchen. Ich habe ein paar Tage in Flensburg verbracht. Am Samstag gingen wir durch eine schöne Schneelandschaft auf dem Gendarmenstien bis nach Dänemark. Mittendurch zieht sich der neue Zaun, der Wildschweine davon abhalten soll, nach Dänemark zu wandern. Kein organischer Holzzaun, kein dezenter Drahtzaun, sondern ein kompakter hässlicher Stahlzaun. Es scheint so, daß sogenannte Schutzmaßnahmen oft mit Hässlichkeit gepaart sind.

Am Sonntag fuhren wir dann ganz unbedarft in die Geltinger Birk. Die vielen Schneeverwehungen auf der Bundesstraße hätten uns Warnung sein können, auch die kleine Nebenstraßen, die alle von einer kompakten Eisschicht überzogen waren. Wir kamen an, stiegen aus dem Auto und ein eisiger Wind empfing uns. Die Ostsee schrie unter dem Sturm und wir waren in Nullkommanix völlig durchgefroren trotz eigentlich angemessener Kleidung. Der Gang war dann nach ca. 20 Minuten beendet und wir fanden erstaunlicherweise im nächstgelegenen Dorf eine offene öffentliche Toilette, die unsere Hintern vor dem Erfrieren rettete und sich über Spenden finanziert. Soviel Menschenfreundlichkeit muss man würdigen!

Am Montag fuhr ich wieder nach Hause. Während es in Flensburg fleißig am Schneien war, kam ich gut zu Hause an. Das Haus war eiskalt und für die nächsten Stunden saß ich am Feuer und hörte dem Sturm draußen zu, der pulvrigen Schnee gegen meine Haustür drückte und im Garten weiße bizarre Gebilde schuf. Wie schön, daß mal wieder richtiger Winter ist.

Gutes Leben

Nach ein paar klaren frostigen Tagen ist es heute wieder grau und feucht-kalt. In der Nacht hat es auch wieder geschneit. Dick vermummt ging ich nach Selent. Gehen, Holzhacken und Yoga gehören zu meinem täglichen Bewegungsrepertoire. Nach meiner Erfahrung gehört körperliche Bewegung, durchaus auch anstrengende, und tiefes Atmen zusammen mit angenehmen Kontakten und gutem Essen zu den effektivsten Mitteln, um seelisch in der Mitte zu bleiben. Mir geht es also richtig gut. Das Einzige, was mir allmählich fehlt, ist meine liebe Friseurin.

Mittlerweile habe ich es geschafft, das ganze Kongo-Tribunal anzusehen. Es ja ein fiktives Tribunal, aber mit ganz realen Betroffenen. Nachdem es öffentlich wurde, haben immerhin zwei Minister im Kongo ihren Job verloren: der Minenminister und der Innenminister, der sich nicht in der Lage sah, die Polizei an den Ort eines Massakers zu schicken, „weil Nacht war“, so seine Begründung. Diese Aussage führte übrigens unter seinen Zuhörern zu deutlicher Erheiterung. Der vorsitzende Richter des Tribunals, der Belgier Jean-Louis Gilissen, Mitbegründer des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag, wurde gefragt, warum er am Kongo-Tribunal teilnimmt. Ich finde seine Antwort so bemerkenswert, daß ich sie hier gern zitiere: „Es ist eine Frage des Engagements. Man muss sich für etwas einsetzen. Sonst dreht sich alles um das eigene kleine Leben… Heiraten, Kinder kriegen, Geld verdienen. Und man sagt sich, alles ist in Ordnung. Man weiß, es ist nicht genug. Bei allem, was in der Welt passiert, ist das nicht ausreichend. Für wen halte ich mich, das zu akzeptieren.“

Er hat mir zutiefst aus dem Herzen gesprochen. Ein Engagement über das „eigene kleine Leben“ hinaus sehe ich als Bestandteil eines guten Lebens. Für mich gehört solch ein Engagement auch unbedingt zu Spiritualität dazu. Eine Spiritualität, die sich als Rückzug von den Dingen des täglichen Lebens versteht, kann nicht meine sein. Wobei ich gelegentlichen Rückzug absolut lebensnotwendig finde: um zu mir selbst zu kommen, um meinen Geist frei und weit werden zu lassen, um auf diese Weise Raum für etwas Neues zu schaffen. Die Intutition, die innere Stimme, wird durch Stille genährt. So ist es jedenfalls für mich.

Die Debatte um den geleakten BKA-Bericht (siehe letzter Post) geht weiter:

https://www.nordkurier.de/politik-und-wirtschaft/der-nordkurier-erscheint-weiter-ohne-haltungs-disclaimer-3142267001.html

Ich finde es richtig gut und mutig, daß Nordkurier ganz bewusst auf Haftungsdisclaimer verzichtet, während man ja mittlerweile in den sozialen Medien, z. B. auf Youtube, die obligatorischen und besserwisserischen Disclaimer findet, sobald in irgendeiner Weise kritisch über alles, was mit Corona zu tun hat, berichtet wird. Das erinnert mich an meine Schulzeit in den 60er Jahren: in der Schule und auch sonst in der Öffentlichkeit wurde immer von der „Ostzone“ oder der „sowjetischen Besatzungszone“ bzw. „SBZ“ geredet. Die korrekte Bezeichnung für den anderen deutschen Staat wäre DDR gewesen, aber der Begriff war ein No go, allenfalls durfte noch „die sogenannte deutsche demokratische Republik“ gesagt werden. Es ist immer wieder das gleiche Phänomen: man sieht bei Anderen wie unter dem Vergrößerungsglas, was man bei sich selbst nicht sehen kann. Oder anders gesagt: was ich Anderen vorwerfe, mache ich mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst. Oder noch prägnanter: wenn ich auf Andere mit dem Finger zeige, zeigen drei Finger auf mich zurück.

Das Neue Evangelium

Während die Coronarestriktionen sich hinziehen, perfektioniere ich meine Backkünste: gestern Bienensich mit Vanillecremefüllung

Für die Produktion des neuen Films Das Neue Evangelium des Schweizers Milo Rau (das ist der Regisseur, der schon das Kongotribunal gedreht hat) habe ich gespendet und zum Dank ein Gratis-Onlineticket bekommen. Der Film hat mich schwer beeindruckt und ich möchte ihn euch ausdrücklich ans Herz legen. Übrigens werden die derzeit geschlossenen Kinos am Erlös beteiligt, was ich eine sehr faire Sache finde.

Der Film spielt in Matera in Süditalien und besteht aus zwei Strängen: einerseits eine Dokumentation über das sklavenartige Leben schwarzafrikanischer Geflüchteter auf den Tomatenfeldern und ihren Kampf um ein Leben in Würde, andererseits werden Szenen aus dem Leben des Jesus von Nazareth von ebendiesen Menschen und einigen Italienern nachgespielt. So wird beispielsweise die Rolle des Nazareners von einem gutaussehenden Afrikaner gespielt, der selbst in den Tomatenfeldern gearbeitet hat und fließend Italienisch spricht. Beide Stränge sind eng miteinander verwoben, so daß oft der Eindruck entsteht, die biblischen Szenen ereignen sich heutzutage. Es ist so schön mitanzusehen, wie die Arbeiter nicht in der Opferrolle verharren, sondern sich ihre Menschenwürde erkämpfen. Der Film ist nicht synchronisiert, was einen Teil seines Charmes ausmacht. Es werden vier Sprachen gesprochen: Französisch, Italienisch, Englisch und Deutsch und natürlich gibt es Untertitel. Ich finde es richtig gut, daß Milo Rau sich dieser Themen annimmt. Das Kongotribunal habe ich mir bisher nur zum Teil angesehen – es ist heavy stuff und bestimmt kein Wohlfühlfilm – aber ich glaube, wer es einmal gesehen hat, der überlegt sich gut, ob er noch mehr elektronische Geräte braucht, für deren Herstellung der Kongo ausgeplündert wird.

Hier hat es heute Nacht geschneit und tagsüber schien die Sonne. Ich ging spazieren und erforschte neue Wege rund ums Gut, wobei Wege nicht das richtige Wort für meine Querfeldeingänge ist. Ich musste oft an den Film denken und daß die Urmutter der Menschheit nach bisherigem Stand der Wissenschaft eine Afrikanerin war. Allein dieser Umstand zeigt doch, daß Rassismus völlig realitätsfern ist.

Ein wenig dachte ich auch an Corona und daß derzeit Wissenschaftler unser Leben bestimmen, vor allem Virologen, die in ihren Laboren einen extrem eingeengten Bereich des Lebens beobachten, nämlich Viren und arme Affen, die getötet werden, natürlich alles zum Wohle der Menschheit. Übrigens werden auch für die Entwicklung von Impfstoffen Tiere in großem Maßstab „verbraucht“. Vor einem Jahr, als die Coronasache bei uns losging, hörte ich im Radio ein Interview mit Professor Drosten, in dem er mit deutlichem Bedauern in der Stimme sagte, daß in China ja Diktatur herrsche und man dort alles abriegeln und verbieten könne, aber in Deutschland ginge das wohl nicht. Wenige Tage später ging das in Deutschland dann doch. In einem anderen Interview erzählte er ohne Gemütsbewegung, wie Rhesusaffen nach einer herbeigeführten Coronainfektion getötet und seziert werden. In dem Moment bestätigte sich mal wieder, daß ich diese Art von Wissenschaft und alles, was ihr entspringt, aus tiefstem Herzen ablehne.

Geheimnisse

Die Aktivitäten der Maulwürfe im Garten erfreuen nicht nur mich (weil ich sie als Hinweise auf einen lebendigen Boden nehme) sondern auch Lenchen

Gestern vor dem Supermarkt in Selent hörte ich ein etwa achtjähriges Mädchen zu seinem Vater sagen, daß irgendeine ihr bekannte Person von den FFP2-Masken Kopfschmerzen bekommt. Der Vater antwortete: „Nützt ja nichts.“ Hä, also krank werden, um nicht krank zu werden?

Bekanntermaßen steht seit einigen Wochen die Querdenker-Bewegung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Gestern erfuhr ich, daß ein internes Papier des Bundeskriminalamtes offensichtlich von einem Mitarbeiter desselben geleakt wurde und an die Öffentlichkeit gelangte. Darin war man zum Ergebnis gekommen, daß anders als in der Darstellung durch die Mainstreammedien die Querdenkerbewegung weder rechtsextrem unterwandert noch gewalttätig sei. Es gebe zwar auch rechte Teilnehmer, die die insgesamt „heterogene Mischszene“ für sich zu instrumentalierien versuchten, aber Gewalt gehe eher von kleinen linken Gruppierungen aus. Das im Netz veröffentlichte Dokument musste übrigens unter Strafandrohung wieder entfernt werden und auf mehrfache Nachfragen, warum es geheim bleiben soll, gab es keine Antwort. Auf nordkurier.de finden sich Einzelheiten. Ich finde es übrigens höchst befremdlich, daß gerade viele linke Organisationen sich plötzlich so ungewöhnlich staatskonform verhalten. Denn, wie ich bereits wiederholt geschrieben habe, fühle auch ich mich zum linken Spektrum gehörig, aber Staatskonformität ist mir nach wie vor fremd.

Wen wundert es, daß immer mehr Menschen in diesem Land den Eindruck haben, daß wir alle belogen werden und daß etwas ganz gewaltig faul ist?

Die Mainstreammedien berichten auf eine Weise, die wenig mit „objektiver Berichterstattung“ zu tun haben. Da werden die Menschen auf Demos als „Mob“ bezeichnet, das Wort „Coronaleugner“ soll ganz klar Assoziationen zu „Holocaustleugnern“ wecken. Was ist denn ein „Coronaleugner“? Es klingt doch so, als sei das ein Mensch, der abstreitet, daß es ein Coronavirus gibt. Aber die Menschen, die sich kritisch über die fortdauernden Freiheitsbeschränkungen äußern, stellen in der Mehrzahl nicht das Virus in Frage, sondern den Umgang damit. Unsere herrschenden Politiker*innen berufen sich gern und häufig auf die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“. Freiheitlich ist für mich eine Gesellschaft, die unterschiedliche Meinungen aushält und sie im günstigsten Fall als Ausdruck lebendiger Vielfalt schätzt. Im Kleinen bedeutet das z. B., daß ich mit einer Person befreundet sein kann, die politisch nicht auf meiner Wellenlänge ist. Seit dem Erscheinen des Coronavirus erleben wir aber in unserem Land eine zunehmende geistige Monokultur. Man weiß ja, was die Folge von Monokulturen in der Landwirtschaft ist: Verlust der Diverstität, Verarmung des Bodens und die Notwendigkeit von Gifteinsatz. Es gibt auch unter den Virologen sehr unterschiedliche Meinungen zum Umgang mit dem Virus. Aber Frau Merkel lässt diese unterschiedlichen Meinungen in ihrem Beraterstab nicht zu. Ich kenne übrigens keinen einzigen Menschen in meinem nicht ganz kleinen Umfeld, der an Covid-19 erkrankt oder gestorben ist. Aber mittlerweile habe ich persönlich mit den üblen Auswirkungen der Coronarestriktionen zu tun: meine Mutter fühlt sich im Pflegeheim, in dem sie sich seit einigen Wochen befindet, wie eine Gefangene und leidet extrem unter der Situation. Wenn ich in Münster bin, kann ich sie nach einem Coronaschnelltest zwar besuchen, aber mittlerweile wachsen die Warteschlangen der zu testenden Besucher*innen vor dem Heim. Für die ebenfalls alten Freundinnen meiner Mutter ist es keine Option stundenlang in der Kälte zu stehen, bis sie zum Test hereingebeten werden.

Noch mal zur Berichterstattung: vor einigen Tagen wurde im Radio von Demos in Holland berichtet. Die Reporterin äußerte mit deutlicher Empörung, daß bei dem „Mob“ auch „Vermummte“ gewesen seien. Da musste ich lachen. Hört ihr euch eigentlich selber zu? Es ist doch mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben, sich zu vermummen. Ich nehme an, das ist in Holland nicht anders als in Deutschland.

Und mal ehrlich: in der Vergangenheit hat es die Regierenden einen feuchten Kehricht gekümmert, wie es den Alten geht. Ebensowenig stand der schon lange vor Corona vorhandene Pflegenotstand auf deren Agenda. Na klar, der Umgang mit dem Virus entspringt nackter Angst, Angst vor dem Zusammenbruch der politischen Strukturen. Und diese Angst ist durchaus begründet, hat aber nur am Rande mit dem Virus zu tun.

Ein Virus kann nicht beherrscht werden. Das hat es uns Menschen voraus. Aus der Suchtarbeit kenne ich den Begriff der Kapitulation: erst wenn der Kampf aufgeben und die Kapitulation erklärt wird (bei den AA heißt das: „Wir haben zugegeben, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind“), kann etwas Neues geschehen, etwas daß in der Phase des Kampfes noch gar nicht geahnt werden kann. Etwas Vergleichbares geschieht oft nach Trennungen oder schweren Krankheiten. Das habe ich selbst so erlebt und bin sehr dankbar für die Wendungen, die daraus entstanden sind. So gesehen, könnte das Virus uns in etwas Neues hineinführen, daß uns heute noch unvorstellbar ist.

Morphisches Feld

Damwild, von meinem Garten aus gesehen

Heute machte ich meinen gewohnten Donnerstagsausflug in die Stadt, ging zum Markt, brachte die Utensilien vom Käsefondue zurück ins Blé noir und holte ein telefonisch bestelltes Buch aus meinem Lieblingsbuchladen ab. Ich vermeide Internetbestellungen. Die Ladenbesitzer*innen lassen sich was einfallen, um weiter existieren zu können und ich unterstütze sie, wo ich kann. In einem Geschäft kam ich mit der Besitzerin ins Gespräch und wir stellten fest, daß wir eine ähnliche Haltung zum Geschehen haben. Während ich die Vorstellung mag, daß die Erde uns das Virus geschickt hat, um uns zu einem radikalen Systemwechsel zu zwingen, glaubt sie, daß die geistige Welt dahinter steckt. Meinetwegen auch das. Wir beide hadern hin und wieder mit den Zwängen, mit denen wir überzogen werden, und finden glücklicherweise immer wieder Möglichkeiten uns runterzuregulieren. Einig waren wir uns auch an dem Punkt, daß wir überhaupt nicht wissen, ob der notwendige Systemwechsel sich ereignen wird oder ob wir als Spezies mitsamt anderen Arten zu Grunde gehen werden. Apropos zu Grunde gehen: das kann man ziemlich wörtlich nehmen, nämlich auf den Grund, auf die Erde zurückgehen, wieder in Verbindung mit unseren Wurzeln kommen, statt weiterhin dem seltsamen Glauben anzuhängen, wir seien getrennt. Meine ohnehin schon sehr gute Laune hob sich um einige weiteren Grade.

Mein Französischunterricht findet jetzt per Zoom statt. Das ist neu für mich und hat gut geklappt. Das Institut français ist ja auf Teilnehmeri*innen angewiesen, sonst können sie ihren Laden dicht machen. Immerhin können wir uns auf diese Weise ohne Maske sehen. Nach dem Unterricht sah ich den zunehmenden Mond und freute mich. Die Tage mit klarem Himmel sind seit vielen Wochen so rar.

Zu meinem Geburtstag im November hat mir die liebe B. die Teilnahme an dem Online-Kongress Die Reise deines Lebens geschenkt (diereisedeineslebens.de, kostet 9 Euro). Ich bin aber erst in den letzten Wochen dazu gekommen, mir die Interviews anzusehen. Ich habe da einige Inspirationen gefunden. Sehr gut haben mir der Neurobiologe Gerald Hüther, der grönländische Schamane Anaangaq und der Kinder- und Jugendpsychiater Milan Meder gefallen. Aber gestern hat das Interview mit der großartigen Vivian Dittmar alles getoppt! So eine inspirierende kluge Frau! Ich war so geflasht, daß ich lange gar nicht einschlafen konnte. „Der Planet braucht unsere Kooperation“, war eine ihrer Aussagen, die bei mir viele Assoziationen ausgelöst hat. Vorletztes Jahr während eines der Seminare mit Ilan Stephani sagte ich, die Menschheit habe es nicht besser verdient, wenn sie unterginge. Ilan entgegnete ganz freundlich: „Daß du so sprichst, ist ein Traumasymptom.“ Ja, das wird wohl so sein, wir sind ja kollektiv traumatisiert. Und ich will sehr gern zu denen gehören, die aus der kollektiven Trance erwachen, die uns alle an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Gut möglich, daß das Coronavirus unser Verbündeter im Prozess der Erwachens ist. Vivian sprach von den morphischen Feldern, einer Hypothese des englischen Biologen Rupert Sheldrake. Vereinfacht gesagt sind das sowas wie Felder, in denen etwas Neues Gestalt annimmt und die ungefähr zeitgleich an verschiedenen Stellen der Erde Veränderung bewirken. In der Wissenschaft ist Sheldrakes Hypothese sehr umstritten, wie immer, wenn eine*r daher kommt und an alten Weltbildern rüttelt. Das wissen wir seit Galilei und Kopernikus. Neulich dachte ich darüber nach, wie es passieren konnte, daß ich mich mit 14 Jahren der 68er-Bewegung anschloss. Ich konnte es mir nicht wirklich erklären. Irgendetwas in mir ging in ganz starke Resonanz mit dieser großen Welle, ich musste einfach mitmachen. Das hat mir damals enorme Schwierigkeiten gebracht, vor allem mit meinem Vater, der mich mit allen Mitteln davon abringen wollte. Auch in der Schule wurde es nicht einfacher, als ich anfing, Lehrer*innen mit meinen radikalen Ansichten vor den Kopf zu stoßen. Und die Jungen, für die ich gerade anfing mich zu interessieren, hatten auch keine Lust auf ein politisch aktive Freundin. Aber ich konnte einfach nicht anders. Heute glaube ich, daß ich da in ein morphisches Feld geraten war. Ein anderes Wort dafür ist vielleicht Zeitgeist. Diese Bewegung breitete sich ja zur selben Zeit auch in Frankreich, USA und Italien aus, sie lag förmlich in der Luft.

Ich weiß also nicht, wie es weitergeht, ich habe noch nicht mal eine vage Vorstellung. Was ich aber ganz sicher weiß: der große Wandel, von dem auch Joanna Macy spricht, kann nur absolut gewaltfrei geschehen. Manche in meinem Umfeld sagen, die Menschen seien mittlerweile gereizt und unsolidarisch geworden. Ich kann das nicht bestätigen. Im Gegenteil erlebe ich ganz viel Freundlichkeit, Offenheit und ein enormes Interesse an Austausch. Heute war also so ein Tag, wo ich die Krise, in der wir uns seit fast einem Jahr befinden, als spannende Herausforderung sehen konnte. Darüber freue ich mich.

Schmerz

Der verschärfte Lockdown, verstärkt noch durch die vielen trüben Tage seit Weihnachten, schlägt deutlich auf meine Stimmung. I., mit der ich darüber sprach, bestätigte, daß es derzeit vielen so geht. Anders als beim ersten Lockdown entsteht der Eindruck, daß es so immer weitergehen wird und alle paar Tage neue Einschränkungen kommen. Das Neuste ist das Gebot, öffentliche Verkehrsmittel und Geschäfte nur noch mit FFP2-Masken betreten zu dürfen. Nun habe ich meine Einkäufe seit Einführung der Maskenpflicht schon auf das Notwendigste reduziert, öffentliche Verkehrsmittel benutze ich nur, wenn ich meine Mutter in Münster besuche. Ich finde FFP2-Masken nicht nur ultrahässlich (mein Bruder nennt sie „Kaffeefilter“), es ist auch sehr anstrengend, durch sie zu atmen, jedenfalls wenn man sie korrekt anlegt. Gesund ist das nicht. Vielleicht schützt diese behinderte Atmung vor Viren, vor allem aber, eine banale Erkenntnis aus der Körpertherapie: je flacher wir atmen, desto weniger fühlen wir.

In den letzten Tagen befand ich mich in einem sehr lange nicht dagewesenen Gemütszustand. Wellen von Schmerz durchfluteten mich, wieder und wieder. Ich konnte sie ganz deutlich im Herzraum, genau hinter meinem Brustbein spüren. Es schien, als käme der ganze Schmerz der Welt zu mir, Schmerz über meine Gattung, die gerade dabei ist, einen erweiterten Suizid zu begehen, dazu mein ganz persönlicher Schmerz über all das, was ich irgendwann Menschen angetan habe, die ich geliebt habe und der Schmerz meiner Mutter über den Verlust ihrer Selbstständigkeit. Etwas in mir übernahm – ich kann es nicht „ich“ nennen – und erlaubte dem Schmerz da zu sein und zu kommen und zu gehen, wieder zu kommen und zu gehen. Und während der ganzen Zeit lebte ich weiter mein gewöhnliches Leben, ging spazieren, kochte, zeichnete, strickte, lernte Französisch, telefonierte, machte Yoga. Irgendwann fiel mir Joanna Macys „Work that reconnects“ ein: sie würdigt die mächtigen Gefühle wie Schmerz, Verzweiflung und Wut angesichts des Zustands der Welt. Es ist so wichtig, sie ganz und gar zu fühlen und erst mal nicht zu wissen, was wir tun können. Ich las in Joanna Macys Buch Die Reise ins lebendige Leben die Geschichte von den Shambala-Kriegern, die in der heutigen Zeit, in der alles Leben auf der Erde bedroht ist, mit großer Tapferkeit in die Zentren der barbarischen Mächte gehen, um deren Waffen zu entschärfen. Um das zu tun, „müssen sie in die Korridore und Schaltzentralen der Macht gehen, wo die Entscheidungen gefällt werden. Die Shambala-Krieger haben den Mut, dies zu tun, weil sie wissen, daß diese Waffen manomaya, ‚vom Verstand gemacht‘ sind. Vom menschlichen Geist geschaffen, können sie auch vom menschlichen Geist entschärft und zerstört werden. Die Shambala-Krieger wissen, dass die Gefahren, die das Leben auf der Erde bedrohen, nicht von außerirdischen Mächten, satanischen Gottheiten oder der Vorsehung eines bösen Schicksals ausgehen. Sie erwachsen aus unseren Entscheidungen, aus unserer Lebensweise, aus unseren Beziehungen.“

Heute nahm ich wieder meine tägliche Nachrichtendosis zu mir, höchstens 10 Minuten. Corona hat die Tendenz über Katastrophen und sonstwie Unangenehmes zu berichten maximal verstärkt. Wer Nachrichten hört/sieht läuft Gefahr, schnell in eine finstere Gemütsverfassung zu geraten, in der unsere Welt ein schlechter Platz ist, die Menschheit nur Scheiße macht und ein kleines Virus uns alle töten will. Und das stimmt einfach nicht. Es gibt genug Beispiele für gutes gelingendes Leben, für Zusammenarbeit, für große Hilfsbereitschaft und Solidarität, für alternative Lebensformen, für sich selbst regulierende Gemeinschaften. Ich denke da z. B. an Rojava in Syrien, wo Frauen verschiedener Ethnien sich daran gemacht haben, sich selbst zu organisieren, um gut leben zu können. Ganz ohne Herrschaft übrigens. Das ist der reine Anarchismus und eigentlich etwas ganz Altes und Ursprüngliches, das in den vielen Jahrtausenden vor der Entstehung des Patriarchats die Norm war: egalitäre herrschaftsfreie Gesellschaften, in der Menschen sich als Teil der lebendigen Erde gefühlt haben. Es ist also gut für die Psyche, sich nicht auf die Mainstreammedien zu verlassen und noch andere Quellen aufzusuchen.

Ich finde es eine gute Übung, alles zu hinterfragen, besonders das, was als unumstößliche Fakten daher kommt. Ich weiß, daß die Mainstreammedien tendenziös, also im Sinne der Herrschenden berichten. Das hat nichts mit Böswilligkeit zu tun – naja, vielleicht manchmal doch – sondern damit, daß die meisten aus einer Quelle schöpfen. Oft hat es auch mit Angst zu tun. Wir sehen ja gerade in der heutigen Zeit, was mit denen passiert, die eine andere Geschichte erzählen. Im schlimmsten Fall werden sie psychisch vernichtet wie Julian Assange. Neulich habe ich irgendwo gelesen, daß man seinen Kindern Bewegungen wie die Querdenker erklären soll: Das sind Quatschdenker. Ich kenne keinen Querdenker persönlich, wie kann ich dann also wissen, ob sie Quatsch denken. Als ich ein Kind war, hat man uns in der Schule eingebläut, die Russen seien die Bösen und der Kommunismus das schlimmste Übel. „Lieber tot als rot“ war einer der Slogans. Ich habe damals schon nicht verstanden, was am Totsein denn nun besser sein soll. Was passiert, wenn immer nur über das Schlechte in der Welt berichtet wird, ist bekannt. Menschen hören nicht mehr hin, stumpfen ab, schützen sich auf diese Weise gegen das Bombardement der Schockmeldungen. Und hören auf, nach lebensfördernden Wegen zu suchen. Das ist sicher praktisch für die Herrschenden, aber ganz schlecht, wenn wir eine schönere Welt schaffen wollen.

Meine Mutter, die ja einen großen Teil ihrer Jugend im Krieg gelebt hat, erzählte mir neulich folgende Geschichte: sie rastete mit ihrer Freundin während einer Fahrradtour in der Lüneburger Heide und sah über sich englische Flugzeuge. Sie wusste, daß die bis zum Rand mit Bomben vollgepackt und auf dem Weg nach Berlin waren, um sie dort abzuwerfen. Im Rückblick war sie schockiert über ihre eigene Gefühllosigkeit angesichts dieser Tatsache. Für sie zählte an diesem Tag nur, daß sie die Sonne und den Ausflug genoss. Ich finde aber: wie gut, daß sie trotz der ungeheuerlichen Vernichtungsmaschinerie den Tag genießen konnte.

Zum Schluss noch was Schönes von Charles Eisenstein passend zum Thema: https://charleseisenstein.org/essays/Der%20Zyniker%20und%20der%20Bootsbauer/