Die alten Wege

Meine Kondition auf dem Fahrrad hat sich innerhalb kurzer Zeit so verbessert, daß ich sogar bei Steigungen weitgehend ohne Gangwechsel auskomme. Ich habe das dadurch erreicht, daß ich konsequent jede Woche mindestens zweimal ein paar Kilometer mit dem Rad fahre. Das tut richtig gut und – erfreulicher Nebeneffekt – mein Puls ist nach diesen Fahrten schön regelmäßig. So einfach und so erfreulich! Eine weitere erfreuliche Sache: nachdem Anfang des Jahres bei einer Blutuntersuchung bei meiner neuen Ärztin herauskam, daß ich eine Schilddrüsenunterfunktion hatte, was mein ständiges Frieren erklärte, sind die Werte fast alle wieder im grünen Bereich. Ich habe keine Schilddrüsenhormone genommen, um das zu erreichen. Hormongaben, egal welcher Art, stören die natürliche Selbstregulation und können zu irreversiblen Störungen führen. Das sah meine Ärztin genauso und ich nahm zur Unterstützung Efeuurtinktur. Was letztlich zu der Verbesserung geführt hat, kann ich nicht genau sagen. Ich vermute, es war ein Bündel von Hilfen: außer der Tinktur, die ich mir in Zukunft selbst herstellen werde, eine tägliche Heilmeditation und sicher auch die Vorschläge meiner lieben Chinesischen Medizinfrau Inke, die noch ganz andere Zusammenhänge aufdecken konnte als meine Ärztin. So werden alte zugewachsene Heilwege wieder gangbar und Vertrauen in die eigene Körperweisheit wächst.

Besuch aus der Nachbarschaft

In einer Runde mit mir vertrauten Menschen sagte ein Mann, daß es Herrschaft immer gegeben habe und ein Leben ohne sie nicht möglich sei. Ich nannte Beispiele, die das Gegenteil aufzeigen: die Selbstorganisation indigener Völker, ganz weit vorn das Große Gesetz des Friedens des Irokesenbundes, das im Grunde auf dem Prinzip der Räte funktioniert hat, die Arbeiter- und Soldatenräte, die sich am Ende des Ersten Weltkrieges in Folge des Kieler Matrosenaufstandes in wenigen Tagen in ganz Deutschland ausgebreitet haben (und dann von den faschistischen Freikorps, die der Sozialdemokrat Friedrich Ebert angeheuert hatte, gewaltsam zerschlagen wurden) sowie die anarcho-syndikalististischen Organisationsformen in Katalonien, die Franco mit den Geldmitteln der internationalen Großindustriellen vernichten konnte. So wie Selbstorganisation im Verbund unserer Körperzellen funktionieren kann, wenn wir nicht ständig störend eingreifen, so kann sie das auch im sozialen Organismus. Was natürlich diejenigen, die das Geld haben und damit die Macht, nicht wollen.

Der Mann, der sich so deutlich für die Notwendigkeit von Herrschaft ausgesprochen hatte, ließ sich von meinen Worten nicht überzeugen. Ich finde es irgendwie verstörend, wenn Menschen so an Herrschaft festhalten. An dieser Stelle sind die alten Wege jedenfalls noch sehr zugewachsen. Es scheint bei einigen Menschen ein Bedürfnis nach Herrschaft zu geben: bei denen, die Macht ausüben wollen und bei denen, die sich einen wünschen, der ihnen die Entscheidungen und die Selbstverantwortung für ihr Leben abnimmt. Ich kann dazu ein Buch empfehlen, das ich gerade lese: Fabian Scheidler – Das Ende der Megamaschine. Er beschreibt darin sehr detailliert, wie sich Herrschaft seit etwa 7500 Jahren entwickelt hat und mittlerweile auf immer perfidere Weise aufrecht erhalten wird, nämlich indem Menschen einer so massiven Gehirnwäsche unterzogen werden, daß sie willig bei ihrer eigenen Unterdrückung mitwirken. Das konnten wir in den letzten drei Jahren besonders deutlich erleben. Aber Herrschaft ist immer etwas Fragiles, was nur mit Gewalt aufrechterhalten werden kann, weil es letztlich dem Leben nicht entspricht. Das Buch ist sehr gut, aber es ist harter Stoff und nicht geeignet als Gute-Nacht-Lektüre. Ich lese es immer nur in kleinen Häppchen. Es ist einfach ganz furchtbar, in aller Deutlichkeit zu erfahren, wie gerade wir Europäer den ganzen Erdball mit massiver Gewalt unterworfen haben und es immer noch tun.

Auch hier möchten die alten Wege des friedlichen und erfreulichen Zusammenlebens aller Lebewesen auf Mutter Erde wieder freigelegt werden. Ich glaube, der erste Schritt ist, eine andere Welt für möglich zu halten. Die Welt, die unser Herz kennt, wie Charles Eisenstein es so schön geschrieben hat. Ja, unser Herz kennt sie, weil es sie die längste Zeit in der menschlichen Geschichte gegeben hat.

Wilde Tulpen

Er-innern

Über Ostern hatte ich Besuch von Tochter und Schwiegersohn. An einem Abend sahen wir den Film Wer die Nachtigall stört mit dem wunderbaren Gregory Peck, der vor langer Zeit zu meinen Lieblingsschauspielern gehörte. Die DVD habe ich zu Weihnachten von den beiden bekommen; sie versorgen mich oft mit Filmklassikern. Allein schaue ich kaum Filme, aber zusammen macht es Spaß und man kann anschließend noch darüber reden.

Letzte Woche fuhr ich nach Bonn, um das Weihnachtsgeschenk meines Sohnes zu erleben: ein Abend mit Lisa Fitz im Pantheon. Das war auch sehr schön. Jetzt habe ich Lisa Fitz live erlebt und sie ist so authentisch, so ehrlich, frech und an keine Konvention gebunden. Und wie ich bereits geschrieben habe: wir haben viele Gemeinsamkeiten. Als Kabarettistin fand ich sie nicht so gemein wie Max Uthoff, den ich vor einigen Jahren in Düsseldorf erlebt habe. Keine Publikumsbeschimpfung, aber natürlich haben alle üblichen Verdächtigen ihr Fett weggekriegt. Wir haben viel gelacht und bei einem ihrer Lieder mitgesungen. Mein Sohn gab mir das Buch Wer die Nachtigall stört von Harper Lee mit, nachdem ich vom Film geschwärmt hatte. Das lese ich jetzt und finde es außerordentlich gut geschrieben. Ich glaube, die Handlung spielt etwa in den 30er Jahren in den US-amerikanischen Südstaaten. Meist befasse ich mich ja mit Sachbüchern, aber ab und zu ein wenig Belletristik ist auch ganz schön.

Am Rhein mit Blick aufs Siebengebirge

Gestern fuhr ich zum Imkertreffen nach Amelinghausen in der Lüneburger Heide. Wir tagten in kleiner Runde und unter anderem waren die Nachwirkungen von Torben Schiffers Vortrag beim letzten Imkertreffen Thema. Da gibt es Menschen, die sich nicht von ihrem Selbstverständnis als Imker trennen mögen, d. h. als Personen, die Bienen halten, um Honig zu gewinnen und davon überzeugt sind, daß nur imkerliche Maßnahmen, also die Behandlungen mit organischen Säuren, die Bienen am Leben erhalten. Aber es outen sich mittlerweile auch solche, die darauf verzichten und offensichtlich schon länger damit gute Erfahrungen gemacht haben. Ich gehöre insofern zur letzteren Fraktion, als ich auch darauf verzichte, aber noch nicht lange genug, um über gute oder schlechte Erfahrungen zu verfügen. Uns allen ist aber eins gemeinsam: wir wollen dazu lernen, wir bleiben nicht stehen, wir sind uns bewusst, daß die alten Wege nicht mehr taugen, wenn sie es jemals getan haben.

Eine Sache hat mich gestern besonders beeindruckt: Eine Teilnehmerin hatte ihren Hund draußen angebunden, weil er in der Vergangenheit soviel Chaos im Raum angerichtet hatte. Er tat sein Missfallen am Ausgesperrtsein mit Bellen kund und tat mir leid. Irgendwann holte ein Mann das Tier von draußen in den Raum. Ich saß ihm im Kreis genau gegenüber und konnte so beobachten, wie er den Hund mit leichten Berührungen und fast unmerklichen Gesten dazu brachte, sich zu seinen Füßen niederzulegen. Da blieb er dann ganz entspannt und alles spielte sich so unauffällig ab, daß seine Halterin erst nach längerer Zeit mitbekam, daß er im Raum war. Dieser Mann, ich nannte ihn später „Hundeflüsterer“, hatte sich in der Anfangsrunde als Tierhomöopath vorgestellt und später, als wir über die verschiedenen Sichtweisen auf Bienenhaltung diskutierten, erzählt, wie er in seiner Praxis immer wieder erlebte, daß die Chancen von Tieren wieder gesund zu werden, wesentlich von der Einstellung ihrer Halter*innen abhängt: wenn eine Person es nicht für möglich hält, daß das Tier wieder gesund wird, sind dessen Chancen tatsächlich schlechter als bei einer positiven Grundhaltung. Daran habe ich überhaupt keinen Zweifel und nach meiner Erfahrung kann man diese Erkenntnis 1:1 auf Menschen übertragen.

Während ich auf dem Heimweg dem üblichen Sonntagnachmittagstau auswich, indem ich durch Hamburg fuhr (und dafür wahrscheinlich genauso lange wie für den Stau brauchte, weil jede Ampel rot war), musste ich an dieses Erlebnis denken. Ist es nicht so, daß die wirklich wichtige Kommunikation nicht durch Worte stattfindet, sondern durch Körpersprache oder noch wesentlicher auf feinstofflichen Kanälen? Ich bin davon jedenfalls überzeugt, obwohl oder vielleicht auch gerade weil ich mich sehr viel über Sprache, gesprochen und geschrieben, ausdrücke. Wie oft habe ich schon erlebt, daß eine Person das ausspricht, was ich gerade gedacht habe. Oder wie oft ist es schon vorgekommen, daß ich einen Anruf von jemandem bekommen habe, den ich gerade selbst anrufen wollte. Ich glaube auch, daß meine Katze weiß, was gerade in mir vorgeht. Das sind alte Fertigkeiten, die bei vielen in den Kellern des Bewusstseins lagern, vergessene Fähigkeiten, eine alte und universelle Sprache. Heute las ich einen alten Ritualbrief aus meiner Alma mater-Zeit, in dem Siegrun über die Hagezussen spricht: sie waren diejenigen, die mit den Tieren und den Pflanzen sprechen konnten. Nichts davon ist wirklich verloren, wir müssen es nur wieder er-innern. Der erste Schritt ist, das für möglich zu halten.

 

Die Ebenen wechseln

Vor einigen Tagen entdeckte ich in meiner Nähe im Wald etliche Flecken mit Märzveilchen. Der Anblick des leuchtenden Violetts der Blüten inmitten von saftig grünen Blättern, die jungen seitlich eingerollt, erfüllte mich mit Freude. Ich wusste, daß an diesen Stellen Veilchen wachsen, habe aber in all den Jahren nie so viele wie dieses Mal entdeckt. Oft kam ich auch zu spät; dann waren sie schon verblüht und stattdessen fand ich die etwas blasseren Waldveilchen, die ohne Duft sind. Ich kann immer nur staunen über die wunderschönen Formen und Farben, die die Natur hervorbringt. Sie ist die größte Künstlerin und verzaubert mit Schönheit.

Gestern bin ich durch Zufall einer anderen Künstlerin begegnet: aus dem Internet habe ich erfahren, daß Mary Bauermeister schon Anfang März gestorben ist. Kurz vor ihrem Tod war ich auf einem Imkertreffen (ich habe darüber berichtet) und einer der Anwesenden machte auf eine Ausstellung mit Werken von Mary Bauermeister in der Kieler Kunsthalle aufmerksam. Ich fragte ihn, woher er Mary Bauermeister kenne und er sagte, aus Marijn Poels Film Pandamned. Den habe ich im letzten Jahr auch gesehen und war sehr beeindruckt. Ich glaube, auch über ihn habe ich berichtet. Marijn Poels interviewt in einer Szene Mary Bauermeister und sie antwortet so klug, so beeindruckend. Ja, es geht um das C-Thema und das Impfen und die Angst, die Marijn Poels äußert und sie sagt so tolle Sachen wie: Zeitgeist werde aus der Zukunft inspiriert und es sei die Aufgabe der Künstler und Schamanen, sich aus der Zukunft inspirieren zu lassen. Später sagt sie: „Glauben ist mehr als Wissen“. Und zur Angst: Angst haben heißt: ich muss noch was lernen. Sie hat auch sehr kluge Sachen zum Impfthema geäußert und warum sie ihre Kinder nicht hat impfen lassen. Auch daß die Spanische Grippe vor 100 Jahren nur unter den Geimpften so tödlich gewütet hat und daß in Griechenland, dem einzigen Land, in dem keine Impfungen stattgefunden haben, es keine Grippetoten gegeben habe. Das habe ich an anderer Stelle schon mal gehört und es überrascht mich nicht.

Ich habe das erste Mal von Mary Bauermeister aus irgendeiner Zeitschrift erfahren und das liegt schon einige Jahre zurück. Mich hat ihr unkonventionelles Leben fasziniert, die Konsequenz, mit der sie ihren eigenen Weg gegangen ist bis zu ihrem Tod mit 88 Jahren. 2018 bekam sie eine Krebsdiagnose und ihr Arzt prognostizierte ihr nur noch wenige Monate Lebenszeit. Daraus sind dann weitere fünf Jahre geworden. Ich finde es übrigens ziemlich daneben, wenn Ärzte solche Aussagen treffen. Wie auch immer, Mary Bauermeister hat die verbliebene Lebensspanne für sich genutzt, weiter ihre Kunst gemacht und das Morphium abgesetzt, als es anfing ihren Geist zu vernebeln. Sie hatte keine Angst vor dem Tod und sprach davon, daß sie demnächst die Ebenen wechseln werde und sich darauf schon freue.

Der Ausdruck „die Ebenen wechseln“ gefällt mir sehr und ich werde ihn in meine Sprache übernehmen. Denn das ist Sterben doch letztendlich: der Übergang von einer Ebene zur anderen.

Übrigens habe ich mich bisher nicht allzu sehr mit der Kunst von Mary Bauermeister befasst. Sie war auch Gartengestalterin und das finde ich richtig spannend. Noch so eine tolle Frau!

Nachts gibt es noch Frost, aber wenn die Sonne scheint, fliegen die Bienen und bringen Pollen in den Stock.

 

 

Das starke Herz

Ich habe mich mittlerweile dazu verpflichtet, wenigstens zweimal in der Woche eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Meine Kondition ist deutlich besser geworden. Heute bin ich bei strahlendem Sonnenschein und kaltem Ostwind gefahren und konnte es sogar streckenweise genießen, bei Steigungen kräftig in die Pedale zu treten, die großen Damwildrudel auf den Feldern zu sehen und Slalom um die Pfützen zu fahren. Als ich wieder zu Hause ankam, habe ich mich gut gefühlt, körperlich und seelisch. Bewegung ist einfach ein Schlüssel für ein ausgeglichenes Seelenleben. Unmittelbar vor meiner Staroperation hat mir der Anästhesist mitgeteilt, daß ich einen stark arrhythmischen Puls habe. Das konnte ich später bestätigen, wenn ich ab und zu mal meinen Puls gezählt habe. Ich war nicht allzu beunruhigt. Ich habe mir aber im Januar einen Termin bei der naturheilkundlich arbeitenden Ärztin geben lassen, die ich das erste Mal vor der drohenden Impfpflicht aufgesucht habe, weil ich dachte, es sei gut, in Notfällen jemanden zu haben. Die Praxis im Nachbardorf genießt nicht mein volles Vertrauen, auch wenn die Ärzt*innen dort freundlich sind. Aber sie sind halt Schulmediziner mit all den Begrenzungen, die zur Schuldmedizin gehören. Den Ausschlag zum endgültigen Arztwechsel gab die Weigerung, mir eine Verordnung für Ernährungsberatung zu geben. Die wollte ich haben, um wenigstens einen Teil der Kosten für die Behandlung bei meiner Chinesischen Medizinfrau Inke erstattet zu bekommen. Stattdessen wurde mir ziemlich streng angeraten, eine Gastroskopie machen zu lassen, um mein häufig auftretendes Völlegefühl abzuklären. Nein danke! Meine neue Ärztin ließ ein EKG ableiten und bestätigte die die Herzrhythmusstörungen. Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, die ich hier nicht weiter ausführen werde. Ich ging mit der Frage ins Bewusstseinsfeld, was ich tun könne und bekam die Antwort: ins Herz atmen. Als ich am Freitag bei Inke war, gab sie mir den gleichen Rat und zeigte mir, wie kohärentes Atmen geht. Das ist also jetzt meine tägliche Meditation: 10 Minuten lang je 5 Sekunden ohne Pause ein- und ausatmen und mir dabei vorstellen, daß der Atem durchs Herzchakra ein- und ausströmt. Inke wusste übrigens nichts davon, daß ich den gleichen Rat aus dem Bewusstseinsfeld erhalten hatte.

Aber ein Herz wird eben auch stark durch körperliches Training und immer, wenn ich nach dem Radfahren meinen Puls fühle, ist er regelmäßig. Nebenbei bemerkt: ein sehr regelmäßiger Herzschlag ist nichts Gesundes, sondern tritt kurz vor einem Herzinfarkt auf. Ein lebendiger Organismus ist eben keine regelmäßig tickende Uhr.

Der Bärlauch in meinem Garten hat sich schön ausgebreitet. Jeden Tag nasche ich ein paar Blätter, zusätzlich auch Löwenzahn, der jetzt so frisch und knackig ist. Auch damit tue ich meinem Herzen und Blut gut.

Lisa Fitz Buch Der lange Weg zum Ungehorsam habe ich ausgelesen. Ich habe bereits erzählt, daß ich viele Gemeinsamkeiten mit ihr erkannt habe: die Unfähigkeit zum Gehorsam, der zwingende Wille, den ganz eigenen Weg zu gehen mit allen Höhen und Tiefen, der Freiheitsdrang. Dazu gehört auch, daß ich genau wie sie nie einem Guru, einem Lehrer oder einer Lehrerin ohne Wenn und Aber folgen konnte. Ich musste wie sie immer alles hinterfragen und letztlich mein eigenes Ding machen. Und das Leben als fortwährenden Lernprozess erkennen. Mir gefällt Lisa Fitz also ziemlich gut, ihr Humor und ihre Ehrlichkeit und daß sie sich nicht scheut, ganz persönliche Dinge von sich preiszugeben, auch die nicht so vorteilhaften. Tolle Frau!

Und jetzt lese ich Das Ende der Megamaschine – die Geschichte einer scheiternden Zivilisation von Fabian Scheidler. Es ist schon einige Jahre alt; sein neustes Buch Der Stoff, aus dem wir sind habe ich vor einiger Zeit vorgestellt. Meine Tochter, die mir das Buch geliehen hat, hat auf die erste Innenseite ein Zitat von von W. B. Yeats geschrieben: „There is another world. But it is in this one.“ Das ist doch ein schöner Spruch. Es kommt halt drauf an, die andere Welt, die schönere Welt, die unser Herz kennt, wie Charles Eisenstein sie nennt, aus der alten scheiternden Welt herauszuschälen. Auch Arundhati Roy sieht es so: „Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist schon im Entstehen. An einem ruhigen Tag kann ich sie atmen hören.“ Noch so eine tolle und scharfsinnige Frau!

Und für das Erschaffen einer schöneren Welt braucht es Menschen mit starken Herzen!

Gestern war wieder einer von den mittlerweile fast wöchentlich auftretenden Sturmtagen mit scharfen Böen aus Osten und peitschendem Regen. Ich musste ein paar Sachen aus Selent besorgen und war kurz versucht, das Auto zu nehmen. Stattdessen packte ich mich warm ein, zog Gummistiefel an und marschierte durch Matsch und tiefe Pfützen. Das war fast ein so gutes Gefühl wie Radfahren. Und ich ging auf dem Rückweg in einen Laden, den ich bisher nicht richtig beachtet hatte: Pinkens natürlich nördlich. Die beiden Frauen, die das Badehaus am Selenter See betreiben, haben dort eine Nudelmanufaktur. Ich kaufte superleckere frische, mit Ricotta gefüllte Bärlauchravioli. Dazu gab es Pekannussbutter. Außerdem ergab sich die Gelegenheit zu einem ausgiebigen Schnack mit Inken, einer der beiden Besitzerinnen. Wir sind fast Nachbarn und sehen uns öfter, aber daß sie seit über einem Jahr auch Nudeln herstellen, erfuhr ich am Freitag lustigerweise von meiner neuen Osteopathin in Preetz.

Fahrrad

Folgendes Zitat von Martin Luther King fand ich gestern im netten kleinen Café Hilda in Kiel in einem Buch, das von Student*innen der Muthesius-Hochschule zusammengestellt wurde:

„Woran wir uns am Ende erinnern werden, sind nicht die Worte unserer Feinde. Es ist das Schweigen unserer Freunde.“

Wie wahr! Es passt so gut in die letzten zwei Jahre. Glücklicherweise haben die meisten aus meinem Umkreis nicht geschwiegen. Aber  angesichts des schreienden Unrechts, das geschehen ist – und immer noch geschieht – gab es einige wenige, die sich mehr oder weniger elegant an diesem Thema vorbeigedrückt haben. Das bleibt hängen.

Im letzten Winter hatte ich ein Erlebnis mit meinem Fahrrad, das dazu geführt hat, daß ich Angst vorm Radfahren bekam: ich fuhr an einem dunklen feuchten Abend ins Nachbardorf, um Freunde zu besuchen. Mein altes Treckingrad hat eine unzulängliche Beleuchtung und ich trug deshalb meine Stirnlampe. Die Strecke hat ein paar Steigungen und ich kam immer schlechter voran und wunderte mich darüber. Auf dem Rückweg war es noch schlimmer. Die Räder schienen sich gar nicht mehr zu bewegen. Ich hatte das Gefühl, die Lunge fällt mir aus dem Hals vor lauter Anstrengung. Schließlich stieg ich ab und schob. Ich machte mir Sorgen, daß ich zu unfit geworden bin und konnte es mir gleichzeitig gar nicht erklären. Im Licht meiner Stirnlampe sah ich dann, daß sich zwischen Schutzblich und Hinterrad eine dicke Erdschicht angesammelt hatte. Es lag also nicht an meiner Kondition. Vor einigen Monaten besuchte ich einen Freund, der etwa vier Kilometer entfernt wohnt. Während ich eine Steigung hochkeuchte, überholte mich ein Mann auf seinem Rennrad und rief mir noch etwas zu, bevor er in Windeseile aus meinem Blickfeld verschwand. Das hat mich nicht sonderlich motiviert.

Die Landschaft, in der ich lebe, ist voller Hügel und heißt deshalb Holsteinische Schweiz, was natürlich ziemlich hoch gegriffen ist. Eigentlich bin ich Radfahren gewöhnt, schließlich habe ich 25 Jahre in der Fahrradstadt Münster gelebt. Da hatte ich ein Hollandrad ohne Gangschaltung, die man da allerdings auch nicht braucht. Auch in meinen zwei Jahren in Kiel bin ich oft die 5 km mit dem Rad zur Arbeit gefahren.

Im Herbst kaufte ich mir vom geerbten Geld ein schickes neues Fahrrad, das beim Probefahren in Lütjenburg gut lief. Aber als ich es zu Hause auf den unbefestigten Straßen mit teilweise deutlicher Steigung ausprobierte, fand ich es extrem anstrengend. Ich forschte ein wenig und fand heraus, daß das Rad mit 18 kg ziemlich schwer und außerdem die fünfgängige Nabengangschaltung wohl eher für die Stadt geeignet war. Ich konnte das Fahrrad gegen ein leichteres Treckingrad eintauschen, bin aber danach lange nicht gefahren. Irgendwie hatte ich Angst.

Am Samstag schlug B. vor, mit dem Rad nach Bellin zum Müllsammeltag zu fahren. Wir fuhren die zwei Kilometer hin und später wieder zurück; ich allerdings mit meinem alten Fahrrad, weil ich daran gewöhnt bin. Das ging, auch wenn ich an einigen Stellen ziemlich gepustet habe, während B. noch genug Luft zum Reden hatte. Gestern hatte ich nachmittags einen Physiotherapietermin wegen meiner anhaltenden Hüftschmerzen und überlegte, ob ich die drei Kilometer zu Fuß nach Selent gehen sollte. Aber die Zeit war knapp und ich entschied mich fürs Fahrrad, obwohl ich wieder Angst davor hatte. Bevor es vom Wald auf die Landstraße geht, führt der Weg steil bergab, kein Problem also. Als ich dann auf der Behandlungsliege lag und die Physiotherapeutin meinen Gluteus maximus und Piriformes, also meine Hinternmuskulatur durcharbeitete, machte ich mir Sorgen, wie ich auf dem Rückweg den Berg hochkommen sollte, ohne abzusteigen und zu schieben. Ich wusste selbst, daß das irgendwie merkwürdig war: bin ich doch diese Strecke schon so oft gefahren. Aber irgendwie habe ich das Rad im letzten Jahr ziemlich gemieden. Was soll ich sagen? Ich schaffte den Rückweg ohne abzusteigen. Oben angekommen habe ich zwar ziemlich geschnauft und schwor mir, an meiner Kondition zu arbeiten. Aber als ich dann zu Hause war, ging es mir so gut, daß ich die ganze Zeit gesungen habe und mir am liebsten ständig selbst auf die Schulter geklopft hätte, weil ich mich nicht vor dieser Herausforderung gedrückt habe. Ich hätte ja auch mit dem Auto fahren können, aber das wäre schon sehr peinlich gewesen, zumal allerschönstes Wetter war.

Am Abend war ich bei einem Vortrag von Hermann Ploppa über die weltpolitische Lage. Sehr interessant, zumal er über Dinge berichtete, die man in den Leitmedien und im Fernsehen nicht erfährt. Ich traf natürlich etliche Bekannte und es gab reichlich Umarmungen. Seit Beginn der Coronamaßnahmen, als von einem supergefährlichen Virus geredet und vor engen Kontakten gewarnt wurde, knuddelt man sich in den Kreisen, in denen ich mich seitdem hauptsächlich bewege, sehr bewusst und häufig. Das hat sich teilweise aus Protest gegen die  absurden Maßnahmen entwickelt, ist dann aber auch zu einem echten Bedürfnis geworden, das wir alle uns gern und bewusst erfüllen. Es ist einfach schön, Menschen im Arm zu halten, die man mag. Außerdem glaube ich, daß viele von uns auf diese Weise so eine Art Nachnähren erfahren, weil in unserer Kultur schon viele Kinder einen Mangel an Körperkontakt erfahren. Von mir kann ich das auf jeden Fall behaupten.

Als ich nach dem Vortrag und ein paar kleinen Schnacks dann ging, küsste ein Mann, den ich sehr schätze, meine Hand zum Abschied. Das hat mir gut gefallen und ich schwebte förmlich auf Wolken, während ich über leere, nächtliche Straßen nach Hause fuhr.

Was für ein gelungener Tag!

Mein Nachbar hat meinen Knick gestutzt. Jetzt gibt’s eine Menge Holz zu stapeln.

Der freie Wille

So sah es bei mir vor einigen Tagen aus

Neulich begegnete mir in einem Buch mal wieder der Ausdruck „freier Wille“. Nicht daß er mir neu wäre, aber dieses Mal hakte er sich in mir fest und beschäftigt mich. Menschen werden, so sagt man, mit einem freien Willen geboren. Andere sagen, daß Menschen sowas gar nicht haben können, weil ihr Denken und Verhalten geprägt ist durch Schule, Erziehung, festgemauertes jahrhundertealtes Weltbild und biologische Zwänge. Daß die im letzten Satz gesagten Dinge eine Rolle spielen, bezweifle ich nicht. Dennoch bin ich überzeugt, daß wir in all unserer Geprägtheit eine freien Willen haben. Der tritt immer dann in Erscheinung, wenn wir uns entscheiden. Wenn ich in meiner eigenen Geschichte zurückgehe, dann fallen mir viele Beispiele ein: wie oft habe ich Entscheidungen getroffen trotz und gegen gesellschaftliche Konventionen.

Ich lese gerade ein Buch, das mein Sohn mir geschenkt hat: Der lange Weg zum Ungehorsam von Lisa Fitz. Bisher war ich zugegeben keine Lisa Fitz-Fanin, obwohl sie gerade in den letzten Jahren eine wirklich gute Kabarettistin geworden ist. Ich habe das Buch angefangen und dann wieder weggelegt, dann wieder hervorgenommen und jetzt lese ich es wirklich mit Vergnügen, weil ich mich darin so oft wiederfinde. Nein, ich habe längst nicht soviele Männergeschichten wie sie gehabt; auch der Alkohol hat in meinem Leben keine besonders wichtige Rolle gespielt. Aber das Rebellinnentum ist uns beiden eigen, offensichtlich hatten ihre Mutter und mein Vater etwas gemeinsam: den Ehrgeiz, die Kinder nach ihren Vorstellungen zu formen. Das scheint unweigerlich zur Rebellion zu führen. So wie sie sich dem mütterlichen Diktat nicht fügen konnte, konnte ich mich nicht den väterlichen Anforderungen fügen. Das hat zu vielen Verwerfungen geführt; mein Leben zwischen 15 und 19 Jahren war extrem ungemütlich und in meiner Erinnerung ein einziger Kampf gegen einen  sehr mächtigen Vater, dessen Pläne ich unter keinen Umständen erfüllen konnte. In der Zeit kam mein freier Wille richtig klar zum Vorschein. Irgendwann, als ich längst volljährig war, hat mein Vater kapituliert: „Du machst ja sowieso immer, was du willst.“

Spannend an der Sache mit dem freien Willen ist auch, daß ich ihn anderen Menschen genauso zugestehen muss wie mir selber. Das heißt, daß ich mich nicht in die Entscheidungen anderer einmische, daß ich ihre Wege respektiere, auch wenn sie mir fremd, unverständlich oder falsch vorkommen. Wahrscheinlich würde sich dann im Umgang miteinander sehr viel ändern, denn es hieße ja auch, daß die ständigen Urteile und Bewertungen wegfielen, die die meisten von uns wohl schon mit der Muttermilch aufgenommen haben. Wie entspannend wäre ein Kontakt, in dem ich nicht immer argwöhnen müsste, daß der oder die andere schlecht über mich denkt und meine Entscheidungen falsch findet. Ich gebe zu, daß ich da bei mir selbst viel Übungsbedarf sehe: es genügt ja nicht, die inneren Urteile nicht auszusprechen; die Einsicht in die ureigenen Wege des Anderen muss in der DNA verankert sein.

Lisa Fitz schreibt noch andere Sachen, mit denen ich mich voll und ganz identifizieren kann und die mich gleichzeitig erheitern, z. B. „Ich habe immer gesagt, einen Mann, der nicht abspült, den schmeiß ich raus! Und was habe ich jetzt…? Berge von Männern vor der Haustür liegen!!“ Na ja, Berge waren es bei mir nicht, aber Männer, die sich an der Hausarbeit beteiligen, waren in meinem Leben eher eine Rarität und das ist einer der Gründe, warum ich das Zusammenleben nicht besonders attraktiv finde.

Sehr wiedergefunden habe ich mich auch in folgendem Satz: „Männer sind naiv und romantisch, sie blenden die Vernunft aus, sie gehen fremd, aber selten ganz weg, außer man wirft sie raus. Sie finden, alles könnte für die Ewigkeit so bleiben, egal, wie es läuft.“ Das kann ich bestätigen. Die meisten Beziehungen habe ich beendet und mich immer wieder gewundert, warum Männer so lange bleiben, obwohl es richtig scheiße läuft. Ich kann es mir nur so erklären, daß Frauen für Männer eine so große Komfortzone sind/bieten, daß dafür alles andere in Kauf genommen wird. Ja, ich finde es schön, wenn sich einer bei mir wohl fühlt, aber sobald ich mich ausgenutzt fühle, werde ich zur Furie. Oder besser gesagt: wurde. Denn in dieser Situation war ich schon lange nicht mehr. Und ich habe mittlerweile auch Männer kennengelernt, die einen Haushalt führen können mit allem was dazu gehört. Allmählich scheint sich was zu ändern.

Was das mit dem freien Willen zu tun hat? Nun, wenn jemand sich nicht an der Hausarbeit beteiligen will, ist das sein freier Wille. Und mein freier Wille ist, daß ich nicht mit einer Person zusammenleben will, die mir die komplette Hausarbeit überlässt. Bei so einer Konstellation wäre dann eine Besuchsehe eine gute Lösung, bei der ich mein Hausrecht behielte.

Frühjahrsputz

Es ist sicher schon aufgefallen, daß ich nicht wie eigentlich geplant am letzten Samstag in Berlin war. Der Grund: meine länger schon anstehende Wohnungsrenovierung ist am Freitag gestartet und ich steckte bis über beide Ohren in Arbeit. B. hatte mir einen Mann empfohlen, der das Anstreichen der Räume übernehmen wollte und mein Part war das Ausräumen, Putzen und Einräumen. Ich habe mich mehrere Jahre vor dieser Arbeit gedrückt, aber jetzt musste es einfach sein und es fühlt sich wie ein gigantischer Frühjahrsputz an. Das Einräumen hat mir sogar fast Spaß gemacht. Ich habe soviel aussortiert, vor allem Bücher. Die habe ich in Kiel bei LesArt abgeliefert, wo ich ab und zu einen ehemaligen Patienten aus meiner alten Klinik treffe. Einige Bücher kann ich auch über booklooker.de verkaufen. Was man für einen Krempel ansammelt! Unglaublich! Mein Ideal ist ein Hausstand, der in ein Tiny House oder eine Jurte passen würde. Davon bin ich aber noch weit entfernt. Beim Ausmisten musste ich oft an meinen verstorbenen Freund J. denken, der alles hortete, vor allem Werkzeug und Bücher. Er brachte es sogar fertig, Zeitschriften, die seine Frau in den Altpapiercontainer geworfen hatte, wieder rauszuholen. Oft sagte er zu mir, er könne es nicht fassen, daß ich mich so ohne weiteres von Büchern trennen könne, wenn ich mal wieder Platz im Regal brauchte. „Das ist doch das Wissen der Welt“, sagte er immer. Das Wissen der Welt, das ich relevant finde, habe ich im Kopf. Und ich bin ohnehin nicht in der Lage, alles zu wissen. Zumal Wissen nichts Statisches ist. Was vor Tagen, Jahren, Jahrhunderten als feststehendes Wissen galt, ist heute oftmals überholt.

Freund H. schickte mir den Link zu einem sehr langen Interview von Reiner Füllmich mit zwei Ärzten, das ich in zwei Etappen gehört habe und sehr empfehlen kann: https://www.youtube.com/watch?v=WCs1Nd-rxYo

Es beleuchtet die Geschichte der Schulmedizin von der beginnenden Neuzeit an bis heute und befasst sich dabei auch mit der Inquisition und den Hexenverbrennungen. Letztere sind ja ein Thema, das mich seit den 80er Jahren beschäftigt. Die Interviewpartner reden auch davon, daß ein Reset, wie er derzeit von der reichen Elite durchgedrückt werden soll, schon einmal stattgefunden hat. Der geschah in der Zeit, als die Volksmedizin und mit ihr die weisen Frauen und Hebammen vernichtet wurden und der Ärztestand an die Macht kam. Was wir heute erleben, ist die Zuspitzung dessen, was vor über 500 Jahren angebahnt wurde. Es geht in dem Interview um weitaus mehr, auch um den Sinn hinter den ganzen Ungemütlichkeiten, die wir gerade erleben und daß wir jetzt aus dem Kindheitsstadium heraus ins Erwachsensein gehen und die Verantwortung für unser Leben in die eigenen Hände nehmen müssen.

Zu den  Hexenverbrennungen: in den 80er Jahren kam dieses Thema plötzlich auf und gleichzeitig begann die spirituelle Frauenbewegung. In Italien gingen Frauen auf die Straße und riefen: „Tremate, tremate, le streghe son tornate!“ (Zittert, zittert, die Hexen sind zurück!). Ich spürte damals eine starke Resonanz, die mich bis heute nicht mehr verlassen hat. Das Zurückkehren der Hexen war von vielen Frauen durchaus wörtlich gemeint, auch von mir; daß sich nämlich die damals verfolgten und ermordeten Frauen in unserer Zeit erneut inkarnieren, weil sie eine Aufgabe haben. Mir fällt auf, daß das Thema Hexenverfolgungen mittlerweile oft auftaucht. Da ist also was im Feld, das beachtet werden möchte! Ich kann das nur begrüßen. Die Zeit ist reif, das alte Heilwissen wieder zu erinnern und die Fäden wieder aufzunehmen.

Auf Rubikon gibt es einen sehr umfassenden Artikel zum Krieg: https://www.rubikon.news/artikel/der-verstetigte-krieg

Auch sehr empfehlenswert und tiefgehend. Er zeigt auf, daß Krieg praktisch überall stattfindet, etwas Normales geworden ist, was eine Erklärung dafür sein könnte, warum heute soviele ehemalige Pazifisten richtig geil darauf sind, die Russen zu ruinieren, egal wer oder was sonst noch alles dabei drauf geht. Charles Eisenstein hat das mal „the mentality of war“ genannt. Ja, die haben wir in unserer DNA, weil wir seit ca. 6000 Jahren im Krieg leben. Aus dieser Mentalität gilt es auszusteigen und für mich heißt das, diese Mentalität in mir selbst wahrzunehmen, wann immer sie auftritt. Auch das ist ein Schritt zum Erwachsenwerden.

Heute habe ich einen langen Gang durch den Wald gemacht, hatte dort einen kleinen Schnack mit einem Mann, der mir früher Holz geliefert hat, und ging dann ins Café am See in Bellin, direkt am Selenter See. Schöner Platz, leckerer Kuchen und eine sehr herzliche Besitzerin. Sie kommt aus Frankreich und ich nutzte die Gelegenheit, mit ihr Französisch zu sprechen, schließlich muss ich üben. Schön, daß es sowas in meiner Nachbarschaft gibt.

Roter Punkt

Der Fluss möchte fließen,

ins Meer sich ergießen,

der Fluss möchte fließen,

zurück in das Meer.

Mutter Erde, bring mich heim,

dein Kind will ich immer sein,

Mutter Erde, bring mich heim,

zurück in das Meer.

 

Eben habe ich Cambra Skadés Post RotPunktTraum gelesen und mir ist sofort eine schöne Geschichte dazu eingefallen: ich habe neulich von einer meiner ersten Demos 1972 in Hannover geschrieben. Es ging damals gegen die Fahrpreiserhöhungen der ÜSTRA und die Straßenbahnen wurden blockiert. Um trotzdem von A nach B zu kommen, wurde die Rote Punkt-Aktion ins Leben gerufen: Autofahrer brachten an ihren Windschutzscheiben gut sichtbare rote Punkte an. Das war das Zeichen für diejenigen, die eine Mitfahrgelegenheit brauchten. Man wartete also an den Straßenbahnhaltestellen, bis ein Auto mit rotem Punkt kam, das eine dann mitnahm. Das hat prima geklappt und mal wieder gezeigt, daß Menschen sehr gut in der Lage sind, sich selbst zu organisieren und solidarisch zu sein, wenn’s hart auf hart kommt. Wenn aber Solidarität von oben verordnet wird wie vorletztes Jahr, als die „Impfung“ durchgedrückt werden sollte, dann ist es keine Solidarität, sondern maskierter Zwang. Übrigens gab es 1972 noch keine sozialen Medien, trotzdem hat sich die Rot-Punkt-Aktion im Eiltempo rumgesprochen.

Hier ist noch eine zweite schöne Geschichte: um Knospenpräparate herzustellen (damit habe ich im letzten Jahr zum ersten Mal experimentiert), brauchte ich eine kleine Waage, mit der man sehr kleine Mengen wiegen kann. Ich war auf der Suche nach sowas, aber es gab nur elektronische batteriegetriebene Waagen aus Plastik. Die wollte ich nicht, auch keine solarbetriebene, denn auch das ist keine Technik, die mich überzeugt. Dann suchte ich bei eBay-Kleinanzeigen und fand eine kleine mechanische Briefwaage. Ich bestellte sie und die Verkäuferin schickte sie mir zu, bevor ich das Geld überwiesen hatte. Sie schrieb mir, sie setzte auf Vertrauen. Das hat mich so überwältigt, daß ich den Betrag etwas aufgerundet und mich bei ihr für ihr Vertrauen bedankt habe. Sie antwortete, daß sie die Erfahrung gemacht habe, daß die meisten Menschen ehrlich sind. Jetzt habe ich eine niedliche kleine Briefwaage, die ich in die Jackentasche stecken kann, wenn ich rausgehe, um Knospen zu sammeln und darüber hinaus noch eine herzerwärmende Erfahrung gemacht.

Schlimm

Heute Mittag habe ich erfahren, daß Clemens Arvay sich das Leben genommen hat. Er hat frühzeitig angefangen, vor den „Impfstoffen“ zu warnen, sehr differenziert und immer freundlich und warmherzig. Möglicherweise hat er die üble mediale Hetze nicht aushalten können, die seit über zwei Jahren gegen ihn angezettelt wurde. Das ist schlimm!

Schlimm finde ich auch, mit welcher Häme und Bösartigkeit einige Frauen, die ich mal geschätzt habe, über Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer wegen ihres Manifests für Frieden herziehen. Nein, ich nenne keine Namen. Nur soviel: diese Frauen haben offensichtlich das Manifest gar nicht gelesen; anders kann ich mir giftige Aussprüche wie „Kuscheln mit Putin“ nicht erklären. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, zu sehen, daß Waffenlieferungen einen Krieg verlängern und damit die zu Recht angeprangerten Vergewaltigungen vervielfachen, ganz zu schweigen von der drohenden Ausweitung zu einem Weltkrieg. Krieg bringt immer das Allerschlechteste in Menschen hervor, und zwar auf beiden Seiten. Deshalb sofortige Verhandlungen! So, das war mein erstes und letztes Statement zu den Widerlichkeiten, die ich zur Zeit mitbekomme. Und damit ziehe ich meine Energie von diesen Vorgängen ab und zeige die weiße Flagge.

Jetzt noch was zu Vorgängen in meiner Nähe: ich war heute in Kiel und als ich in den Unverpackt-Laden wollte, stellte sich heraus, daß es den nicht mehr gibt. Gewundert hat mich das nicht; wenn ich in den letzten Monaten mich dort mal blicken ließ, war er immer ziemlich leer und das Angebot deutlich geschrumpft. Im Internet las ich das Statement der ehemaligen Besitzerin zur Schließung ihres Ladens. Sie führt sie auf die Coronamaßnahmen und die massiven Preissteigerungen zurück. Da ist sicher was dran, allerdings habe ich selbst Gründe gehabt, in den letzten Jahren dort weniger einzukaufen: Irgendwann vor ca. 2 Jahren fiel mir auf, daß ich dort immer sehr viel Geld für meine paar Teile lasse. Deshalb habe ich angefangen, Preisvergleiche zu machen, was bis dahin nicht zu meinen Gewohnheiten gehörte. Und da habe ich mit den Ohren geschlackert. Sodasan-Waschpulver kostete im Unverpackt-Laden pro 100g 10 Cent mehr als in der kleinen Ökodrogerie an der Holtenauer Straße, die keineswegs ein Discounter ist. Das sind dann bei 2 kg schon 2 Euro Unterschied. So war es auch bei etlichen anderen Produkten. Die Krönung war das Toilettenpapier: 1,10 Euro pro Rolle! Letzteres habe ich allerdings nie dort gekauft. Ich habe zweimal das Gespräch mit Mitarbeiterinnen des Ladens gesucht wegen der in meinen Augen unverständlich hohen Preise. Das erste Mal bekam ich die vage Auskunft, man könne das mal im Team besprechen. Ein weiteres Mal bekam ich nur Schulterzucken. Ich hätte gern mal mit der Besitzerin gesprochen, weil ich wirklich wissen wollte, warum vieles so teuer ist, wo doch das Verpackungsmaterial fehlt. Ja, ich kann mir schon vorstellen, daß ein kleiner Laden nicht so große Mengen abnehmen kann wie ein Supermarkt, aber mit Supermärkten und Discountern habe ich ja gar keine Preise verglichen. Mein dritter Versuch ins Gespräch zu kommen war eine Mail, auf die ich nie eine Antwort bekam. Und was mich zu guter Letzt richtig verärgert hat: ich kaufte Wasserenthärter und bekam im Laden einen Aufkleber für mein Gefäß. Dem entnahm ich, daß es sich nicht, wie angenommen um meinen gewohnten Enthärter von Sodasan sondern von Sonett handelte und daß die Dosierung laut Etikett dreimal höher war. Beim nächsten Einkauf fragte ich noch mal nach. Ich erfuhr, daß man nie was anderes verkauft habe Sodasanenthärter und das Sonettetikett wohl ein Versehen gewesen war. Auf meinen Einwand, daß ich dann völlig unnötig die dreifache Menge verwendet hätte, weil ich mich auf die Angaben verlassen hatte, gab es wieder nur Schulterzucken. Das fand ich schlampig und unprofessionell und war dann auch nicht mehr so motiviert, dort einzukaufen. Ich finde die Idee von Unverpacktläden gut und unterstützenswert und wenn ich nachvollziehen kann, warum einiges ein wenig teurer ist, bin ich vielleicht auch bereit, mal etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Das hat allerdings auch Grenzen.

Wesensgemäß

Nach mehr als drei Jahren war ich gestern endlich wieder auf einem Treffen meines Imkervereins. Gastreferent war Torben Schiffer, Biologe und Bienenforscher. Bekannt wurde er durch seine Forschungen zum Bücherskorpion, der ein natürlicher Mitbewohner in Bienenstöcken ist und Varroamilben futtert. Er hat dazu ein Buch geschrieben und war auch im Fernsehen. Seine Erkenntnisse haben ihm, so erzählte er gestern, viel Feindseligkeit von Seiten der Imkerschaft eingetragen, weil sie eigentlich deren komplettes Selbstverständnis über den Haufen werfen. Imker*innen verstehen sich als Naturschützer, besonders die Ökoimker, zu denen ich gehöre. Aber laut Torben meinen wir es zwar gut, aber wie so oft, bewirken wir damit das Gegenteil. Einige seiner Forschungsergebnisse kannte ich bereits, neu war mir allerdings, daß wir mittlerweile soviele Honigbienen haben, daß andere Insekten wie Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge nicht mehr ausreichend Nahrung finden. Torben berichtete, daß er böse Angriffe aushalten musste: zerstochene Autoreifen, gecancelte Artikel, Angriffe von Imkervereinen, u. a. eines großen deutschen Ökoimkervereins und andere Hasskapagnen. Torben sieht sich nicht mehr als Imker, sondern als Artenschützer. Er ist ein leidenschaftlicher Mensch, der sich voll für seine Sache engagiert und ich finde alles schlüssig, was er sagt. Ich kann ihm nur viel Kraft und Standvermögen wünschen; das habe ich ihm auch gesagt und war nicht die einzige.

Als ich 2011 in der Waldorfschule in Neumünster das Imkern lernte, war es das Aushängeschild „wesensgemäßes Imkern“, was mich in der Tiefe angesprochen hatte. Ja, ich wollte dem Wesen der Bienen gerecht werden. Meine Lehrer, zu denen immer noch Kontakt besteht, haben einen anthroposophischen Hintergrund und wollten, wie wir alle, nur Gutes für die Bienen und die Erde. Im Laufe der Jahre bekam ich allerdings immer mehr Zweifel an dem, was ich mit den Bienen machte. Die Behandlungen gegen die Varroamilbe, vor allem die Ameisensäurebehandlungen im Sommer, fielen mir von Jahr zu Jahr schwerer. Sie sind eine Qual für die Bienen, führen wohl auch zu schwerwiegenden Verätzungen und ich entwickelte immer größeren Widerwillen dagegen. Ich bin dann vor drei Jahren dazu übergegangen, im Sommer eine Oxalsäurebehandlung zu machen, die nicht ganz so strapaziös für die Bienen sein soll, für den Imker aber aufwendiger ist, weil Wabe für Wabe rausgezogen und von beiden Seiten eingesprüht werden muss. Im Jahr darauf rissen zwei Waben unter ihrer schweren Honiglast ab und ich musste mit der Behandlung vorzeitig aufhören, weil ich sonst noch größere Zerstörung angerichtet hätte. Ich machte dann im Winter 2021 noch eine Oxalsäurebehandlung, die ich von oben einträufelte, aber auch das schon mit klarem Widerwillen. Diese Eingriffe sind immer eine massive Störung. Das wäre so, als käme ein Riese ungebeten in unsere Wohnung, würde uns mit irgendeinem Gift einnebeln und sagen: „Es ist nur zu eurem Besten!“ Während ich das schreibe, fällt mir auf, daß wir in den letzten zwei Jahren etwas durchaus Vergleichbares erlebt haben. – Im letzten Sommer habe ich gar nicht mehr behandelt und vor Weihnachten habe ich beide Völker auf einer schamanischen Reise besucht und gefragt. Sie haben mir ganz deutlich zu verstehen gegeben: „Lass uns in Ruhe!“ Das habe ich getan. Ich habe in den letzten zwei Jahren keinen Honig entnommen und keine Fütterungen mit Zuckerlösung gemacht. Beide Völker sind noch am Leben; wenn ich das Ohr an die Fluglöcher halte, höre ich sie summen und bei milden Temperaturen sehe ich sie fliegen. Wenn ein Volk stirbt, werde ich das akzeptieren. Es wird neue Schwärme geben. In der Imkerschule habe ich das verbreitete Credo gelernt: Ohne den Imker (und seine Eingriffe), stirbt die Honigbiene. Mittlerweile wissen wir aus der Forschung u. a. von Thomas Seeley, dem Gotlandexperiment und aus Wales, das das nicht stimmt. Ohne Imker werden viele Bienen sterben, aber die überlebenden Völker sind die wirklich starken Völker.

Ich weiß mittlerweile auch, daß meine zwei Völker schon eins zu viel sind, auch wenn sie nicht so dicht beieinander stehen. In freier Natur braucht ein Bienenvolk ein Areal von einem 1 km². Zur Zeit bin ich die einzige Imkerin im Dorf, aber im Sommer stellt vielleicht wieder ein Imker 10 und mehr seiner Völker an der Lindenallee ab. Das ist natürlich Massentierhaltung. Als ich mit dem Imkern anfing, galten Top Bar Hives (sehen aus wie Kindersärge), als eine sehr wesensgemäße Behausung für Bienen, wahrscheinlich weil sie nur mit Oberträgern statt mit Rähmchen arbeiten und den Bienen Naturwabenbau erlauben. Also ließ ich mir zwei TBHs schreinern.  Aber seit einigen Jahren weiß ich, daß sie keine gute Lösung sind. Überhaupt ist alles Eckige und Großräumige, ebenso mehrere Zargen übereinander alles andere als wesensgemäß. Eigentlich ist es so einfach: Schau in die Natur und du erkennst, was gut ist. Bienen brauchen hohle Bäume, ihre Ruhe und eine intakte Umwelt. Bienen brauchen ihren eigenen Honig. Honig ist kein Lebensmittel und sollte, wenn überhaupt, nur ganz selten und in kleinsten Mengen verwendet werden. Leider gibt es kaum noch Wälder mit alten hohlen Bäumen, also müsste auch die Forstwirtschaft mit ins Boot genommen werden, damit Bienen und andere Wildinsekten wieder angemessene Habitate vorfinden.

Ganz schlimm ist die Entwicklung in großen Städten wie Hamburg und Berlin. Dort hat sich mittlerweile eine völlig krasse Überpopulation von Bienen entwickelt, weil so viele Menschen sich angesichts des Bienensterbens aufgerufen fühlten, diese Tiere zu halten. Firmen, die sich ein nachhaltiges Image geben wollen, stellen sich Bienenvölker aufs Dach und verschenken den Honig als Werbegeschenk an ihre Kunden. Das ist der Gipfel der Perversion.

Einjährige Karde

Frisch angesetzte Kardenwurzeltinktur

Nach Torbens langem Vortrag waren wir alle erst mal ziemlich erschlagen. Später sprachen wir über unsere Eindrücke und Gefühle. Es zeigte sich, daß es ein großes Bedürfnis gibt, die ganze Imkerei auf den Prüfstand zu stellen, wenn auch sicher nicht bei allen gleich stark. Hinterfragt wurde auch das ziemlich hoch gegriffene Etikett „wesensgemäß“. Es ist in meinen Augen ziemlich arrogant von wesensgemäßer Bienenhaltung zu sprechen, zumal wir Menschen selbst weit von einem wesensgemäßen Leben entfernt sind. Für mich heißt es, daß ich mich nicht mehr Imkerin nennen werde, vielleicht Bienenhüterin. Ich nehme ohnehin keinen Honig und werde mich auch nicht mehr in das Leben der Völker, die mit mir zusammenleben, einmischen. Das Schwärmen habe ich immer schon zugelassen. Ich denke, daß ich auch keine Schwärme mehr weitergebe, allenfalls an Menschen, die ich kenne und von denen ich weiß, daß sie die Bienen als gleichrangige Wesen sehen.

Es gab aber auch sehr schöne Erlebnisse gestern: das Zusammentreffen mit Menschen, die ich schätze und gernhabe, nach so langer Zeit; inspirierende Gespräche; ein Feld, indem Offenheit und Ehrlichkeit möglich sind. Und was mich ganz besonders gefreut hat: ich habe von etlichen erfahren, daß sie die Geschehnisse der letzten drei Jahre ähnlich sehen wie ich und diese Zeit als anstrengend, aber auch notwendig für den nächsten großen Entwicklungsschritt von Mama Erde sehen. Und ich habe mal wieder mit Freude gesehen, daß Männer genauso zu tiefen Gefühlen und Empathie fähig sind wie Frauen.

Hier noch der Link zu einem tollen Interview mit Sahra Wagenknecht zu ihrem Manifest für Frieden und den Reaktionen darauf: www.nachdenkseiten.de/?p=94067