Grenze

IMG_1844

Im letzten Herbst habe ich Winterstaudenroggen gesät. Der wächst so hoch wie der Roggen in meiner Kindheit, in dem ein erwachsener Mann sich verstecken konnte. Das Stroh lege ich in die Futtereimer für die Bienen, damit sie nicht im Zuckerwasser ertrinken. Als ich den reifen Roggen schnitt, entdeckte ich in einigen der Ähren Mutterkorn. Das sind Schlauchpilze, die extrem giftige Inhaltsstoffe enthalten. Früher wurden vor allem arme Menschen damit vergiftet, indem sie Brot aßen, das Mutterkorn enthielt. Die Müller verkauften das gute Korn an die Reichen, das kontaminierte an die Armen. Mutterkorn enthält Substanzen, die die glatte Muskulatur kontrahieren, also die Muskeln, die sich in Blutgefäßen, in der Gebärmutter und anderen inneren Organen befinden und nicht dem Willen unterliegen. Deshalb hat man standardisierte Mutterkornzubereitungen auch in der Gynäkologie eingesetzt, um Wehen auszulösen oder nach einer Geburt die Rückbildung der Gebärmutter zu unterstützen. Ich habe nach der Geburt meines ersten Kindes Ergotamin (so heißt eine der wirksamen Substanzen) bekommen. Das machte man routinemäßig. Beim zweiten Kind habe ich das verweigert, da ich mittlerweile wusste, daß Stillen den gleichen Effekt erfüllt: beim Stillen kann eine spüren, wie sich die Gebärmutter zusammenzieht. Mutterkorn enthält aber auch Lysergsäure, den Hauptbestandteil von LSD. Ich mache gerne Experimente, bevor ich anderen Menschen Pflanzen empfehle. Aber dieses Mal entschied ich mich dagegen. Das Risiko ist einfach zu groß.

Vor einigen Tagen fand ich meine gewohnte Hirse aus Brandenburg nicht im Regal meines Bioladens. Als ich nachfragte, erfuhr ich, daß sie aus dem Sortiment genommen wurde, weil sie von einem Betrieb stammt, der zur AfD gehört. Da war ich erst mal geschockt. Ich finde es gut, daß der Bioladen so reagiert hat und habe das auch gleich gesagt. Aber traurig ist es doch. Ich habe diese Hirse jahrelang gekauft und mich darüber gefreut, daß sie quasi regional ist. Es ist ja nicht so, daß ich bei jeder Sache, die ich kaufe, den Anspruch habe, daß die Hersteller meine Weltanschauung teilen. Da würde ich wahrscheinlich schnell verhungern! Aber bei Nationalismus und Rassismus ist die Grenze, das geht einfach gar nicht. IMG_1846

Ich weiß nicht, was ich von Greta Thunbergs Segeltörn über den Atlantik halten soll. Zunächst fand ich die hämischen Bemerkungen dazu ziemlich daneben: daß Pierre Casiraghi mitsegelt spricht in meinen Augen nicht gegen die Aktion. Auch wenn er aus einer stinkreichen adligen Familie stammt, müssen seine Absichten ja nicht schlecht sein. Und daß der Mann, dem das Segelboot gehört, ein Millionär sein soll – na ja, möglicherweise legt er seine Millionen für einen guten Zweck an. Aber es gibt mittlerweile Stimmen – Gerüchte? – die sagen, Greta werde von z. B. der Elekroauto-Industrie benutzt. Das halte ich für möglich. Es ist ja in der Vergangenheit oft so gewesen, daß revolutionäre Ideen in den Dienst der kapitalistischen Verwertungslogik genommen wurden. So ist es jetzt mit den Elektroautos, die angeblich klimafreundlich sein sollen. Sind sie aber nicht, ebenso wenig wie Solaranlagen und Windkraftanlagen. Noch dazu sind sie unökologisch und nicht nachhaltig. Übrigens hätte mir in Berlin ein E-Roller fast den Ellenbogen abgefahren, als er mit Affenzahn vorbeibrauste, während ich mein Frühstück in einem Straßencafé zu mir nahm. Überhaupt sind diese Roller innerhalb von wenigen Wochen zu einer regelrechten Seuche geworden: überall fahren Leute damit rum und gefährden Fußgänger*innen und auf den Berliner Bürgersteigen liegen sie haufenweise einfach rum. Wieder so ein Hype, den die Welt nicht braucht.

IMG_1847

Jetzt mal was Schönes: am letzten Freitag fand die lange geplante Veranstaltung „Pestizide reduzieren – biologische Vielfalt erhalten“ im Dorfgemeinschaftshaus in Bellin endlich statt. Ich war vorher so aufgeregt, daß ich am liebsten gar nicht hingegangen wäre. Was mir half, waren meine Körperübungen, eine davon habe ich bei Ilan Stephani gelernt. Und als dann die Leute kamen, war alle Aufregung vorbei und ich moderierte im Flow. Hier ist ein kleiner Bericht: http://www.naturfreunde-sh.de/

 

 

 

Wieder zu Hause

IMG_1834

Nach vier Tage Berlin bin ich wieder zu Hause und freue mich darüber. Das Jahrestraining mit Ilan Stephani ist vorbei. Ich hatte eigentlich gehofft, daß es noch zu einem fünften Modul im November kommt, aber jetzt fühlt es sich ganz richtig an: ich habe soviele Tools und Übungen bekommen, die ich mir in Ruhe aneignen kann. Wie die letzten drei Male war mein Vermieter wieder ein Mann. Er hatte Erfahrungen mit Körpertherapie; wir unterhielten über Craniosakrale Therapie und er machte mich mit dem in der Tiefe des Schädels verborgenen Knochen os splenoidale bekannt (als ich zu Hause im Anatomieatlas nachschaute, entdeckte ich, daß ich diesen Knochen unter dem Namen Keilbein kenne). In einer seiner knöchernen Kuhlen liegt die Hypophyse und die von den Augen kommenden Sehnerven laufen durch zwei Löcher. A. zeigte mir ein Splenoid, ich konnte seine Faszination dafür gut verstehen. Es sieht aus wie ein Schmetterling.

Ich genoss die Großstadt, frühstückte jeden Morgen unten im Eckcafé und las zu meinem Milchkaffee Süddeutsche Zeitung. Nachmittags gingen wir zu einem der vielen Vienamesen und fanden einen an der Kastanienallee, der vegane Gerichte aus Biozutaten anbietet. Das Essen war wirklich köstlich. Aus der mehr-als-menschlichen Welt nahm ich erfreut die Mauersegler mit ihren hellen Schreien am Himmel wahr. Solange es sie gibt, ist nicht alles verloren – glaube ich. Und beim Frühstück ebenso wie beim abendlichen Waffelnessen bei Kauf dich glücklich waren immer die Spatzen dabei. Sie holten sich kleine Waffelstücke aus meiner Hand.

IMG_1833

Gestern war meine Tochter bei mir. Wir gingen zum Selenter See, zur Badestelle Moltörp mit den schönen alten Bäumen. Dort gibt es seit dem letzten Jahr das Badehaus, das ich an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen muss. Es ist sowieso ein wunderschöner Platz – in meinem ersten Jahr hier haben wir dort unser Ahninnenfest unter den großen Buchen direkt am See gefeiert. Ich wünsche den beiden Frauen, die das Badehaus betreiben, daß ihr Laden gut läuft. Man sitzt dort sehr schön, es gibt feine Kuchen, guten Kaffee und einige Leckereien. Die Atmosphäre ist toll, freundlich und entspannt. Nur wer die Klassiker Pommes, Currywurst und Bockwurst wünscht, ist dort am falschen Platz.

IMG_1835

Erotik

IMG_1710

Nehmt doch endlich den armen Mann vom Kreuz!

Fünf Tage Rhön und anschließend kurzer Besuch in Münster. Dieses Jahr hatten wir unsere Ferienwohnung am Hang unseres heiligen Berges, des Schafsteines, auf einem Bauernhof. Das war sehr in Ordnung; wir hatten unsere Ruhe, konnten der Katzenmutter mit ihren Kleinen beim Spielen zusehen und den freundlichen Hund streicheln. Nach wie vor unübertroffen ist aber der Spiegelshof von Julia Djabalameli in Melperts, wo wir einige Male wohnten. Aber Julia vermietet vorzugsweise an große Gruppen und wir haben die Erfahrung gemacht, daß es nicht so schön ist, sich die Küche mit anderen Menschen zu teilen. Ich gönne es ihr sehr, daß ihr Haus mittlerweile während der Saison gut belegt ist.

Wir wanderten auf alten Wegen und fanden neue. Beunruhigend ist der Wassermangel. Ich bin seit 1975 zehnmal in der Rhön gewesen und habe sie immer reich an Bächen, Quellen und häufig auch Regen gefunden. Aber im letzten Jahr war die Landschaft regelrecht verbrannt, und dieses Jahr waren viele Bächer ausgetrocknet. Der Nixenteich ist zu einem kleinen Tümpel geschrumpft und der Wasserfall, der ihn speist, ein kleines Rinnsal geworden. Immerhin regnete es ein wenig am zweiten Tag und wir machten am Basaltsee unter einem großen Sonnenschirm bei einem gutgelaunten Wirt Rast, bis der Himmel aufklarte. IMG_1752

Am letzten Tag wanderten wir über den Himmeldunkberg. Hier fanden wir endlich einige Quellen. Wasser, das einfach aus dem Berg kommt, hat mich schon immer fasziniert. Im Wasser der Brendquelle fand meine Tochter kleine Krebse. Wir nahmen es als Indiz für die Reinheit des Wassers.

IMG_1803IMG_1805

Richtig verzaubert hat mich die Blütenpracht auf dem Himmeldunk: ein Meer von echtem Labkraut, das uns mit seinem intensiven Duft einhüllte, karmesinrote Heidenelken, üppige Schafgarben, Klappertopf, der im Wind rasselte. Welche Fülle, welche Vielfalt! Auf diesem schönen Berg kamen uns eine Herde Ziegen entgegen. Sie schlüpften einfach unter den Elektrodrähten der Weidezäune durch, wohl in Erwartung von etwas Leckerem.IMG_1784IMG_1813

Ich habe immer noch den Duft des Labkrauts in der Nase und muss an einen Ausdruck von Deborah Bird Rose denken: ökologische Erotik. Gemeint ist eine Erotik, die weit über die gängige Definition hinausgeht, die mehr ist als das magische Geschehen zwischen Frau und Mann/Mann und Mann/Frau und Frau. Das ist eine Erotik, die sich zwischen mir und der lebendigen Welt abspielt, zwischen Mensch und Pflanze, Mensch und Tier, Mensch und Wasser, Wind, Wolken, Erde. Das ist etwas sehr Körperliches, alle Sinne sind einbezogen, eine Kommunikation, die weit über unsere gewohnte Art von Verständigung hinausreicht. Ich bin davon überzeugt, daß das Labkraut über seinen intensiven Duft kommuniziert und das nicht nur mit Bienen und Hummeln. Wenn ich in erotischer Beziehung zur mehr-als-menschlichen Welt bin, ist es mir ein Herzensanliegen, sie zu beschützen.IMG_1801

Angemessener Abschied

P1120903

When the music’s over… nachts um 2 Uhr im Topfhaus

Mein Kollege H. und ich haben am Freitag gemeinsam unseren Abschied von der Klinik gefeiert: im schön restaurierten Topfhaus im alten botanischen Garten in Kiel. Wir waren etwa 50 Leute, es gab gutes Essen und ich hatte die Möglichkeit zu tanzen, weil unser DJ auf meine Musikwünsche einging. Als wir vor zwei Tagen eine Nachbesprechung machten, sagte H.: „Wenn die Leute nicht gelogen haben, hat es allen gefallen.“ Das war auch mein Eindruck. Die Planung war aufwendiger als ich gedacht hatte und es gab die unvermeidlichen kleinen Pannen: am Sonntag entdeckte ich in meinem Kühlschrank den leckeren Aufstrich aus gerösteten Sonnenblumenkernen, den ich für die Party zubereitet und dann vergessen hatte. Aber ansonsten war es wirklich schön und das idyllische Ambiente mit Blick auf die Kieler Förde und das Arboretum trugen sehr dazu bei.

Allmählich stellt sich mein System auf ein neues Leben ein. Ich genieße es Muße zu haben, im Garten umher zu streifen und ohne Zeitdruck mal hier, mal da zu verweilen und spontanen Impulsen zu folgen. Es ist, als knüpfte ich an einen alten Seinszustand an, den ich als Kind kannte. Es fühlt sich wie ein offener Raum an, in dem etwas Neues Gestalt annehmen kann. Heute putzte ich meine Wohnung – ein sinnvolles und im Resultat sehr befriedigendes Ritual, nachdem meine Familie abgereist war – und fühlte mich ganz zufrieden und entspannt.

IMG_1698

Die neue Oya ist wieder eine große Inspiration. Zum Thema des drohenden Kollapses des gesamten Ökosystems habe ich darin gute Worte gefunden, die ich gern zitiere:

„Greta Thunberg ruft aus nachvollziehbaren Gründen: ‚Wir haben noch zwölf Jahre und müssen jetzt sofort handeln!‘ Doch ist nicht genau dieses – jetzt, sofort, Maßnahmen, Effizienz! – Teil jener Denkweisen, die die heutigen planetaren Herausforderungen überhaupt erst verursacht haben? Jetzt nochmal in Hochgeschwindigkeit die Weichen richtig stellen, und dann das Tempo drosseln! – Das erinnert fatal an die Meinung, man könne einen Krieg nur durch den Einsatz weiterer Bomben beenden. Wie aber lautet die pazifistische Antwort auf Erdüberhitzung und Artensterben? Langsamer werden, sich in Lassenskraft üben, Netzwerke dichter weben, Konflikte beziehungswahrend bearbeiten, eine Garten anlegen , einander zuhören, noch langsamer werden, sich ins Lassenskraft üben, Netzwerke tragfähiger weben, Konflikte beziehungswahrend angehen, das Haus instandsetzen, einen zweiten Garten anlegen, einander zuhören…“

Jaaaa…tief ausatmen! Auch ich neige dazu, in den Kämpferinnenmodus zu gehen, wenn ich das drängende Gefühl von Gefahr habe. Das ist nicht unbedingt falsch, auf jeden Fall besser als Lähmung und Depression. Aber es ist eben auch eine Konditionierung, immer zu reagieren, immer sich zum Handeln aufgerufen zu fühlen. Einfach mal hinsetzen und dem Gras beim Wachsen zusehen. Das ist meine neue Herausforderung. Ich bin gespannt!

 

 

In den Tod singen

IMG_1697

Es ist immer noch ungewohnt, soviel Zeit zu haben. Nachts schlafe ich neun Stunden, wobei ich ab und zu aufwache und schnell wieder einschlafe. Es ist, als holte ich den fehlenden Schlaf der letzten 45 Jahre nach. Heute pflückte ich Johannisbeeren und machte einen Kuchen mit Haselnussbaiser. Ich arbeitete im Garten und fror und schwitzte abwechselnd. Der Wind war sehr heftig und trieb dunkle Wolken über den Himmel, aber statt des erwünschten Regens kamen nur ein paar vereinzelte Tropfen runter. In Mecklenburg-Vorpommern brennt seit Tagen ein großer Wald, ich habe mir die Bilder im Netz angesehen: unheimlich! Ein Experte für Feuerabwehr sagte im Radio, man müsse sich an solche Szenarien gewöhnen. Kann man das?

IMG_1696

In dem Buch Wild Dog Dreaming – Love and Extinction beschreibt Deborah Bird Rose die Beerdigung eines Aborigine in Australien. Da es sich um eine evangelikale Zeremonie handelt, wird erwartet, daß alle Trauergäste sich freuen, weil der Verstorbene jetzt endlich vom irdischen Leben erlöst und in die ewige Seligkeit eingegangen ist. Aber während der Veranstaltung fällt die Gefährtin des Verstorbenen laut jammernd und klagend aus der Rolle. Nachdem die evangelikalen Veranstalter gegangen sind, wird der Verstorbene nach alter Tradition in den Tod gesungen und auch das Weinen und Klagen bekommt seinen Platz. Nur wenn die laut geäußerte Trauer und das Singen stattfinden kann, ist es dem Toten möglich, seine neue Heimat zu finden und sich bei Gelegenheit wieder in anderer Gestalt zu inkarnieren. Aber selbst ohne diesen kulturellen und traditionellen Unterbau scheint es doch ein menschliches Bedürfnis zu sein, einen Raum für Trauer und Klagen zu haben. Und danach kann dann die Freude, die Ausgelassenheit, das Feiern geschehen. Das habe ich am deutlichsten bei Norberts Tod erlebt. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, daß im arabischen Kulturkreis die drei Deichselsterne des Großen Wagens Benetnasch genannt wurden, das heißt Klageweiber. Sie waren es, die den Toten oder die Tote laut jammernd begleiteten und ihm/ihr somit einen würdigen Abschied bereiteten.

Was für eine saublöde Vorstellung, daß die schöne Zeit erst im Jenseits stattfindet. Es sind ja nicht nur die Evangelikalen, die sowas verbreiten: das ganze Mittelalter war voll vom irdischen Jammertal, vom Himmelreich, das eine*r sich im Diesseits mühsam verdienen musste. So konnte man natürlich den Untergebenen verkaufen, daß all ihre Plackerei und ihr Leiden irgendwann belohnt werden würde. Auch wenn ich mich wiederhole: einer Religion, deren Hauptsymbol das Kreuz, ein Folter- und Hinrichtungsinstrument ist, kann nur mit äußerstem Misstrauen begegnet werden. Im Laufe meines Lebens ist mir immer deutlicher geworden, daß ich hier bin, um die Schönheit des irdischen Lebens zu erkennen und zu genießen. Was danach kommt, weiß ich nicht, und es ist für mich nicht wirklich relevant. Wenn es soweit ist, werde ich es wissen.

IMG_1689

Ruhestand

IMG_1678

Seit einer Woche bin ich Rentnerin. Na ja, eigentlich erst ab 1. 7., aber ich habe jetzt Resturlaub. Am letzten Mittwoch war mein letzter Arbeitstag. Da unser Oberarzt in der Frühbesprechung seinen ärztlichen Kolleg*innen von meinem Abschied erzählt hatte, kamen den ganzen Vormittag Menschen auf die Station, die mich drückten und mir sagten, wie schön sie es mit mir gefunden hätten. Ich war ganz überwältigt und hatte mit sowas nicht gerechnet. Mein Kollege holte mich aus der Visite, weil der neue Pflegemanager und die fast ebenso neue Geschäftsführerin sowie eine Frau aus der Personalverwaltung mit einem großen Blumenstrauß gekommen waren, um mich würdig zu verabschieden. Ich sagte ihnen dann auch gleich, daß ich in den wenigen Monaten ihrer Anwesenheit genau wie meine Kolleg*innen mitbekommen habe, daß ein neuer Wind in der Klinik weht: „Ich habe das erste Mal seit langer Zeit den Eindruck, Sie interessieren sich für das Pflegepersonal.“ Das ist tatsächlich so: man bekommt endlich Antworten auf Mails, es gibt Resonanz auf Überlastungsanzeigen und Verbesserungsvorschläge. Wir werden offensichtlich nicht mehr als Kostenfaktor angesehen wie unter der alten Geschäftsführung.

Als ich mittags nach Hause fuhr, war ich ganz aufgeladen von den vielen Umarmungen. Jetzt habe ich plötzlich viel Zeit. Ich ertappe mich unzählige Male am Tag dabei, wie ich innere To-do-Listen abarbeiten will. Dann atme ich tief durch und sage mir selbst: ich muss nicht hetzen, ich kann in Ruhe alles machen, was ich will. Ich arbeite, seit ich 19 Jahre bin, also seit 46 Jahren, eigentlich 43 Jahren, wenn man zwei Sabbatjahre und ein Jahr nach der Geburt meines Sohnes abzieht. In diesen Jahren sind chronischer Mangel an Zeit und oft auch an Schlaf meine Begleiter geworden. Ich bin gespannt, wie mein Leben ohne sie wird.

IMG_1687

Am Wochenende war ich in Flensburg. Dort wurde ich YouTube-mäßig auf den neusten Stand gebracht: Zerstörung der CDU von Rezo. Einen großen Teil meiner Infos über dieses Video habe ich aus dem Radio, genug um damit einverstanden zu sein. Aber es ist doch noch mal was anderes, das im Film und in fast voller Länge zu sehen, z. B. die Geschichte von den amerikanischen Drohnen, die mit Billigung der Bundesregierung von Ramstein aus gesteuert werden, um dann irgendwelche unschuldigen Menschen zu töten. Was mir gut gefiel, war auch die Emotionalität, die Frische und Direktheit von Rezo. Ja, ich finde es toll, was die jungen Menschen machen. Sie sagen gerade heraus, wie es ist. Währenddessen versuchen die Politiker-Charaktermasken mit Aussagen zu punkten, daß man evtl. den Ausstieg aus der Kohle bis Mitte der 30er Jahre schaffen könnte. Hey, es gibt Wissenschaftler, die geben uns bis zu unserer endgültigen Auslöschung noch sieben Jahre – das wäre dann 2026!

IMG_1682

Wie auch immer: in der Zeit, die mir bleibt, will ich das Leben mit jeder Zelle meines Körpers lieben. Und im Moment fällt das besonders leicht, wenn ich im Sonnenschein sitze und die wilde Wiese bewundere, den Insekten zusehe, den Vögeln und den Grillen zuhöre, täglich Erdbeeren ernten und essen kann und den süßen Duft von Honig und Wachs, der aus den Fluglöchern der Bienenstöcke strömt oder den aromatisch-beruhigenden Duft der Fichte in der Nase habe.

Zuckerfest

IMG_1655

Mittwoch war ich zum Zuckerfest, dem Abschluss des Ramadan, bei einer jungen afghanischen Frau eingeladen. Wir saßen in fröhlicher Runde am mit Leckereien beladenen Tisch und aßen, redeten und lachten. Die Kinder spielten und bezogen uns gelegentlich mit ein. Es hat sich nicht Besonderes ereignet, aber ich habe mich sehr wohl unter all den Frauen gefühlt. Am nächsten Morgen hatte ich beim Aufwachen den Satz aus Starhawks Klassiker Der Hexenkult als Urreligion der Großen Mutter im Kopf: „Alle Akte der Liebe und Freude sind meine Rituale“, also die Rituale der Göttin, der Großen Mutter. Das knüpft an meinen letzten Post an, in dem ich vom ekstatischen Leben schrieb.

Mein Sohn erzählte mir heute von seinem Georgienbesuch. Am meisten fiel ihm die Abwesenheit von Maschinengeräuschen und die vielfältigen Vogelstimmen, die Mengen von Insekten, die Fülle an blühenden Pflanzen auf. Die Kühe seien überall frei rumgelaufen, hätten auf den Straßen gelegen und die Autos seien drum herum gefahren. Er meinte, es sei dort wie es hier vor sechzig Jahren war. Nicht daß er weiß, wie es in Deutschland vor sechzig Jahren war. Aber ich weiß es, weil ich zu der Zeit Kind war. Wir haben mitten in Hannover auf der Straße gespielt. Es fuhr kaum ein Auto. In den Sommerferien waren wir bei Oma und Opa im Solling und haben im Wald und auf den Feldern gespielt. Die Lerchen sangen und der Roggen wuchs so hoch, daß er meinen Opa überragte. In meinem Garten wächst dieses Jahr Waldstaudenroggen, der genau so hoch ist. Ich habe ihn gesät, damit ich Roggenstroh für die Bienen habe.

IMG_1659

Ich gewöhne mich allmählich an mein neues Smartphone und denke darüber nach, welche Funktionen ich nutzen will. Ich sehe bei Freundinnen und meinen Kolleg*innen, was sie damit machen. Da gibt es Apps, mit denen eine die Sternbilder bestimmen kann, Wetterapps, GPS usw. Ich rede jetzt mal gar nicht davon, daß wir mit unseren Daten schön ausspioniert werden können. Das werden wir sowieso, auch wenn wir uns bemühen, das zu vermeiden. Eine andere Frage bewegt mich: was geschieht mit den Sinnen, die unter dem Begriff Intuition zusammengefasst werden, wenn wir gewohnheitsmäßig auf die Möglichkeiten der Smartphones und ähnlicher Geräte zurückgreifen? Viele Menschen können z. B. keine Landkarten und Stadtpläne mehr lesen. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich nach und nach in sternklaren Nächten die Sterne ansah und bestimmen lernte und was ich dabei alles erlebte – das kann mir keine App geben. Ich glaube, daß unsere eh schon zurückentwickelten Sinne mit diesen technischen Spielzeugen noch weiter verkümmern werden. Das ständige Informiertwerden über diese Kommunikationskanäle ist mir auch viel zu viel. Ich muss nicht jeden Pup, den eine von sich gegeben hat, mitgeteilt bekommen. Oft ist es mir schon zu viel, meine Mails zu lesen bzw. zu entscheiden, was ich lese und was ich lösche. Ich brauche Ruhe, um ins Innere und ins Äußere zu lauschen. Und die wahre Welt ist viel geheimnisvoller und schöner als die Flut der Fotos und Filmchen. Das habe ich heute Nacht mal wieder erlebt: ich wachte um 3 Uhr auf und Lenchen war nicht im Haus. Ich machte mir Sorgen, weil ich sie den halben Tag nicht gesehen hatte und konnte nicht wieder einschlafen. Also zog ich mich an und ging in den Garten. Da saß ich und sah in den pastellfarbenen Nordhimmel, aus dem mich ein einsamer Stern anleuchtete. Wie schön und still alles war.

Ich glaube, daß wir vor sehr langer Zeit, als Menschen sich noch als Teil der Natur empfunden haben, uns mit Sinnen verständigen konnten, von denen wir heute nichts mehr wissen. Daß wir ohne Kommunikationsmittel wussten, wenn Besuch kam. Daß wir das Wetter vorhersagen konnten konnte ohne Wetterbericht. Daß wir wussten, welches Heilmittel, welche Pflanze wir brauchten, wenn eine*r krank war und wo wir sie finden. Daß eine lange Umarmung  uns tausendmal mehr Information übereinander geben konnte als gesprochene und geschriebene Worte. Tiere können das noch. Wenn meine Katze sich nachts an meinen Körper kuschelt, habe ich das Gefühl, sie liest in mir.

Ich bin keine Technikfeindin. Ich finde das Internet toll und nutze es gern. Gleichzeitig bin ich mir der Problematik bewusst: die Rohstoffe, die Herstellungsbedingungen, der Stromverbrauch und damit der CO2-Ausstoß, die Nervereien mit Updates, Datensicherungen, Abstürzen usw.

IMG_1657

Die reale Welt ist doch die schönste!

 

 

 

Das Schöne und das Schreckliche

IMG_1647

Gestern Abend fuhren L. und ich nach Stodthagen, um an der Froschkonzert-Führung der Stiftung Naturschutz teilzunehmen. In der einsetzenden Dämmerung trafen sich ca. 90 Menschen auf dem Parkplatz am Waldrand. Mit so vielen hatte ich nicht gerechnet, aber es ist schön, daß immer mehr sich für die gefährdeten Wesen interessieren. Mir ging es um die Unken. Die habe ich das erste Mal vor Jahren in Meck-Pomm gehört und seitdem bin ich auf der Suche nach ihnen.

Die Stiftung Naturschutz hat in Stodthagen eine große ehemalige Ackerfläche aufgekauft und renaturiert, d. h. sie hat die notwendigen Bedingungen geschaffen, damit sich in den Senken in der Landschaft wieder Wasser sammeln kann. Und in den entstandenen Tümpeln hat man Rotbauchunken und Frösche ausgesetzt. Rotbauchunken können nicht in einer Landschaft überleben, die intensiv landwirtschaftlich genutzt und mit Dünger behandelt wird.  Außerdem brauchen sie Feuchtflächen.

Man führte uns auf die große Wiese, auf der auch Rinder grasen (wir sahen aber keine). Und da hörte ich sie schon – die Unken – mit ihren melancholischen Rufen, die so ans Herz gehen. Unsere Führerin fing einige, die wir uns in einem schmalen durchsichtigen mit Wasser gefüllten Gefäß ansehen konnten. Sie haben orangerote Flecken am Bauch. Sicher war es schön für die anwesenden Kinder, die Tiere so nah zu sehen. Mir taten sie leid, wie sie in dem schmalen Gefäß strampelten. Es wurde sehr viel geredet und erklärt, deshalb ging ich zum nächsten Tümpel, wohin die menschlichen Stimmen nur gedämpft drangen und ich ganz dem Gesang der Unkenmännchen lauschen konnte. Die Wiese war so, wie ich es aus meiner Kindheit kenne: ab und zu stand ein Weißdornbusch da, die Vegetation war vielfältig und es gab viel Jakobskreuzkraut, an dem sich keiner zu stören schien. Die Kühe fressen es nicht. Ob es hier noch Lerchen gibt? Es ist gut, daß es diese Menschen von der Stiftung Naturschutz gibt. Sie machen eine wichtige Arbeit.

IMG_1646

Heute machte ich einen Gang, um meinen nächsten Kräuterkurs vorzubereiten. An den Teichen traf ich auf einen Schwan, der sich beim Näherkommen als Singschwan zu erkennen gab. Im Schilf saß seine Gefährtin auf ihrem Nest. Also sind nach dem Winter einige nicht zurück nach Skandinavien gezogen. Vier Graureiher stießen laute Warnrufe aus. Ein Seeadler glitt mit seinen riesigen ausgebreiteten Flügeln knapp über das Wasser, drehte eine Kurve und flog dann in eine der alten Eichen. Es ist so schön hier, und ich entdecke immer wieder Neues. Im Belliner Moor versank ich mit einem Fuß im schwarzen Morast. Irgendwelche Tiere fühlten sich von mir gestört: ich hörte sie im Gebüsch laut schnauben und atmen, sie zeigten sich aber nicht und liefen auch nicht weg. Vielleicht waren es Wildschweine.

IMG_1645

Ilan hat uns von einer Prognose erzählt, die Wissenschaftler bei irgendeiner Konferenz in England geäußert haben: einige sagen voraus, daß in 7 Jahren kein Leben auf der Erde mehr möglich sein werde, andere geben uns noch 20 Jahre. Sie alle sind sich einig, daß die Menschheit aufwachen muss – und zwar jetzt. Ich denke, diese Prognosen haben mit den sogenannten Kipppunkten zu tun. Einer davon ist z. B. erreicht, wenn die Permafrostböden auftauen und dabei solch große Mengen CO2 in die Atmosphäre geben, daß ein Leben, wie wir es kennen, nicht mehr möglich ist. Dann stirbt innerhalb kürzester Zeit alles, was auf Atmung angewiesen ist.

Letztendlich weiß niemand, was passieren wird, und Wissenschaftler haben sich schon oft vertan. Dennoch wissen und ahnen wohl die meisten, daß es so nicht weitergehen kann. Frau Merkel hat sich in ihrer Rede in Harvard für den Klimaschutz stark gemacht. Es klang so, als sei sie schon immer die große Klimaschützerin gewesen. Offensichtlich hat das schlechte Abschneiden der CDU bei der Europawahl einigen Politikern die Stimmung verhagelt. Und Friday for Future und andere neue Bewegungen zeigen Wirkung. Gut so! In gewisser Weise erinnert mich das an den Beginn der Studentenbewegung 1967.

Ich möchte gern mit Menschen über das Thema der drohenden Auslöschung allen Lebens sprechen. Warum die menschliche Gattung sich wie der Krebs der Erde verhält. Sie war nicht immer so destruktiv, sie ist es erst seit ein paar Tausend Jahren. Aber wenn ich damit anfange, rede ich ins Leere. Es gibt keine Resonanz, das Thema wird gewechselt. In gewisser Weise verstehe ich das: es macht Angst, es ist schmerzhaft, es ist unerträglich. In der Astrologie sagt man, daß Skorpiongeborene diejenigen sind, die dahin sehen, wo andere wegsehen. Das scheint zu stimmen. Ich bin einfach nicht in der Lage wegzusehen, habe es noch nie gekonnt. Ich halte es auch nicht für wünschenswert, weil Wegsehen noch nie was besser gemacht hat.

Ilan hat den schönen Begriff „spirituelles Bypassing“ in diesem Zusammenhang erwähnt. Das ist das, was wir machen, wenn wir Sätze sagen wie: „Es hat alles einen tieferen Sinn.“ Auch ich habe schon solche Sätze gesagt. Sie sollen den Schmerz niederhalten. Aber der Schmerz muss gefühlt werden, in aller Deutlichkeit, sonst wird sich gar nichts verändern. Ebenso die Wut, die Verzweiflung, das Entsetzen. Wir leben in einer Kultur, die heftige Gefühle unterm Deckel hält, gern mit Medikamenten, Drogen und Alkohol. Was kann ich tun? Egal wieviel Zeit wir noch haben: ich werde alles tun, um jetzt so gut und ekstatisch zu leben, wie es mir möglich ist. Und wenn es soweit ist, will ich auch ekstatisch sterben. Ich liebe einfach das Lebendige so sehr!

Sexualität und Grenzen

IMG_1644

Das letzte Modul stand unter dem Motto „Sex und Hingabe“. Wieder jede Menge sehr handfeste Körperarbeit. Dazu gehörte auch die Arbeit mit dem Jadeei, die aus dem Qi Gong stammt. Ein Ei aus Halbedelsteinen, vorzugsweise Jade oder Obsidian, wird in die Möse eingeführt, besser von ihr sozusagen „eingeatmet“ und dann mit Hilfe von Atmung, Muskelan- und entspannung und Spüren mit ihm geübt.

Ich glaube, die meisten Frauen haben, so wie ich, gelernt, daß die Vagina weitgehend gefühllos ist, weil sie sonst den Schmerz des Gebärens nicht aushalten könnte. Daß das nicht stimmt, habe ich in der Folge meiner Körpertherapie vor 32 Jahren erfahren können. Seitdem weiß ich, daß die Möse ein lebendiges und sehr empfindungsfähiges Organ ist, seitdem finde ich anderslautende Behauptungen absurd. Sie ist doch schließlich dazu da, uns und den Menschen, die wir in uns hinein lassen, Lust und Freude zu schenken. Wie kam es nun aber zur Gefühllosigkeit vor dem Erwachen meiner Möse im Jahr 1987?

Weil ich mich seit meinen ersten sexuellen Begegnungen immer wieder über meine eigenen Grenzen hinweggesetzt habe. Ich habe oft Männer in mich hineingelassen, auf die ich nicht wirklich Lust hatte, weil sie es wollten, weil ich nicht verlassen werden wollte, weil man das eben so macht, weil ich sexuell aufgeschlossen sein wollte, weil ich nie gelernt hatte, daß es gut und richtig ist, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu schützen. Die sogenannte sexuelle Revolution der 60er Jahre war dabei nur begrenzt hilfreich.

Nach 1987 hatte ich mit keinem Mann mehr Sex, wenn ich nicht wirklich wollte. Aber ich habe in nicht-sexuellen Bereichen immer noch oft meine eigenen Grenzen nicht bewusst wahrgenommen. Oft habe ich Dinge gemacht, weil ich mich verpflichtet fühlte, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich Sympathien nicht verlieren wollte, weil ich jemandem gefallen wollte. Beispiel: In meiner Arbeit mit Geflüchteten gibt es viel Bedürftigkeit. Wenn es nach ihnen ginge, müsste ich sie jeden Tag besuchen. Aber das will ich nicht. Also muss ich klar sagen: „Ich habe einmal in der Woche ca. 3 Stunden Zeit für euch.“ Gestern wurde ich mal wieder bedrängt, doch öfter zu kommen und ertappte mich dabei, daß ich anfing mich zu rechtfertigen und aufzuzählen, was ich alles zu tun habe. Jetzt, wo ich es gemerkt habe, werde ich mir das Rechtfertigen abgewöhnen.

Ich bin übrigens davon überzeugt, daß die Beziehungen zwischen uns viel erfreulicher würden, wenn wir lernten, genau das zu tun und zu lassen, was wir wirklich wirklich wollen. Das lerne ich auch von meiner Katze: wenn sie keine Lust mehr auf Streicheln hat, dann geht sie einfach. Keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung, kein Rumeiern, sondern klare Kante. Großartig!

Technik

IMG_1643

Nebelkrähen in Berlin

Heute Nacht bin ich von meinem viertägigen Berlin-Aufenthalt zurückgekommen. Das dritte Modul bei Ilan Stephani. Sehr toll, sehr aufrührend, sehr beunruhigend, weil es sich ergab, daß auch 5G, also das neue geplante Mobilfunknetz, zum Thema wurde. Das ist so gruselig, daß es mir schlechten Schlaf bescherte. Im Grunde ist es so, als legte man alles Lebendige in die Mikrowelle. Wer braucht so was? Wer braucht überhaupt den ganzen Quatsch? Wer braucht z. B. Elekroautos? Na, die Leute, die allen Ernstes annehmen, daß sie damit der Umwelt was Gutes tun. Tun sie aber nicht, im Gegenteil. Mal von den dafür gebrauchten Rohstoffen gehört? Von der Entsorgung der Akkus? Den Arbeitsbedingungen der asiatischen Menschen, die die Akkus herstellen? Wir brauchen nicht mehr Autos, sondern deutlich weniger. Und wir brauchen auch keine Solaranlagen, die die Landschaft verschandeln und in der Herstellung alles andere als ökologisch sind. Das gilt auch für die Windkraftanlagen. Von all diesen Sachen brauchen wir viel, viel weniger. Dafür brauchen wir mehr echten Kontakt, Berührung, weniger Arbeit, Freude, Lachen, Tanzen und unbändige Lebenslust.

Quasi folgerichtig hat die Technik mir seit gestern Probleme gemacht: In dem kleinen Café in Berlin, in dem ich gefrühstückt habe, stand ein handgeschriebenes Schild: Wir haben kein WLAN – unterhaltet euch! Darüber habe ich mich so gefreut, daß ich es fotografieren wollte. Ich fragte, ob das ok sei. Der Mann hinter dem Tresen sagte: „Du kannst hier alles fotografieren, was du willst.“ Ich holte die Kamera raus und der Akku machte schlapp. Auf dem Weg zum Tagungsort sah ich dann unzählige attraktive Motive, die ich alle nicht fotografieren konnte. Mist!

Abends im Zug bekam ich eine SMS, die ich beantwortete. Dann gab mein Handy den Geist auf. Ich nahm die SIM-Karte raus und steckte sie wieder rein – nichts! Ich bat einen Mann um Hilfe, der dasselbe machte – wieder nichts. Zwischendurch ging das Handy mal wieder für zwei Minuten, dann war alles vorbei. I. wollte mich in Kiel abholen. Ich kam ins Schwitzen. Was, wenn der Zug derbe Verspätung hätte, wie das nicht so ungewöhnlich bei der DB ist. Der Mann, der mir geholfen hatte, bot mir sein Handy an. Tja, aber ich habe doch die ganzen gespeicherten Nummern nicht im Kopf. Wie abhängig man mittlerweile von diesen Geräten ist!

Ich kam dann pünktlich an und tröstete mich damit, daß ich zu Hause noch eine SIM-Karte habe. Heute beschloss ich dann aber erst mal in einem Handyladen, wo letztes Jahr der Display meines Geräts repariert wurde, nachzufragen, ob wirklich die SIM-Karte das Problem ist. Ich war in zwei Läden und in beiden hat man mir nach eingehender Untersuchung versichert, daß das Handy kaputt ist und eine Reparatur nicht lohnt. Ich habe es erst vor eineinhalb Jahren geschenkt bekommen: ein schönes handliches Tastenhandy von 2009, aber völlig unbenutzt, was alles konnte, was ich von einem Handy will: die Uhrzeit und das Datum anzeigen, mir auf Reisen als Wecker dienen, geeignet zum Telefonieren und SMS-Schreiben. Ich mochte es! Wie schade! Jetzt habe ich ein Smartphone und muss die ganzen Nummern manuell eingeben, weil es nicht möglich war, sie von meinem alten Handy zu übertragen. Und Google nervt mich jetzt schon. Na, ich werde mich langsam eingrooven.

Und weil aller guten Dinge drei sind, hat Lenchen sich heute Morgen auf die Tastatur meines Laptops gesetzt, als ich meine Mails abrufen wollte. Als ich sie hochnahm, blieb sie mit einer Kralle hängen und riss dabei eine der Tasten ab. Ich kroch auf allen Vieren durch mein Wohnzimmer, aber gefunden habe ich sie nicht.

Es gibt aber auch Grund zu Freude: was die Fridays for Future-Bewegung losgetreten hat (in der Süddeutschen gab es einen Aufruf, die jungen Leute zu unterstützen, u. a. unterschrieben vom sehr geschätzen Noam Chomsky) und auch was der YouTuber Rezo an den Start bringt: super! Ich begrüße es sehr, daß sie die Politikercharaktermasken das Fürchten lehren. Eine Mitteilnehmerin aus Österreich zeigte offen ihre Freude am Absturz der Regierung. Ja, es kommt was in Bewegung, das ist toll!